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Parolin: Diplomatie des Heiligen Stuhls mehr als „Soft Power“

Parolin: Diplomatie des Heiligen Stuhls mehr als „Soft Power“
325 stolze Jahre besteht die Päpstliche Diplomatenakademie, an der die künftigen päpstlichen Vertreter ausgebildet werden – zu diesem „runden“ Geburtstag wird Papst Leo XIV. an diesem Nachmittag am Sitz der Einrichtung erwartet. Die grundlegende Aufgabe der Akademie ist es, Wege zu entwerfen, die aus Prinzipien, Regeln und Strukturen bestehen, welche die Ordnung zwischen den Nationen gewährleisten, sagt uns aus diesem Anlass der „Chef-Diplomat“ des Heiligen Stuhls, Kardinal Pietro Parolin.


Vatican News

Konkrete „Wege des Friedens zu entwerfen, die aus Prinzipien, Regeln und Strukturen bestehen, welche die Ordnung zwischen den Nationen garantieren“, insbesondere im gegenwärtigen Kontext der Krise der internationalen Ordnung: Mit dieser Aufgabe ist die Päpstliche Diplomatenakademie (kurz PAE, von Pontificia Accademia Ecclesiastica), gegründet am 25. April 1701, betraut. Das unterstreicht Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in einem Interview anlässlich des 325. Jahrestages der Gründung der vatikanischen Diplomatenschmiede. Den aktuellen Jahrestag besiegelt Leo XIV., der sich an diesem 27. April am späten Nachmittag erstmals seit seiner Wahl zu einem Besuch an die Piazza della Minerva im Zentrum Roms begibt, wo die Akademie ihren Sitz hat.

Eine Institution mit dreihundertfünfundzwanzig Jahren Geschichte und Tätigkeit ist dazu berufen, mit einer erneuerten Gestalt auf die Herausforderungen von heute zu antworten. Könnten wir das aktuelle Jubiläum auf diese Weise zusammenfassen?

Kardinal Parolin: „Es scheint mir, dass die Päpstliche Diplomatenakademie ein Beispiel dafür ist, wie es möglich ist, diese beiden Dimensionen zu vereinen. Einerseits ist sie Teil des Staatssekretariats, in dessen Struktur sie eingebunden und in dessen Rahmen sie tätig ist; andererseits ist sie dazu berufen, die päpstlichen Diplomaten vorzubereiten, jene, die in den verschiedenen Ländern und Gebieten den Nachfolger Petri vertreten.

Sie sind dazu berufen, dies wachsam und klarblickend zu tun, indem sie Situationen und Tatsachen bewerten, mit den Menschen in Dialog treten und ihre Bedürfnisse und Hoffnungen entdecken. Für diese Weise, sich in der Kirche und in der Welt zu präsentieren, benötigen sie jenen missionarischen Elan, der sie zu – authentischen und gut vorbereiteten – Zeugen der Fürsorge macht, die der Papst für die Ortskirchen und das Volk Gottes hat, ebenso wie für das Handeln der Regierungen gegenüber ihrer eigenen Zivilgesellschaft und für das, was die internationalen Organisationen im Dienst der Menschheitsfamilie leisten.“

Worauf will die PAE vorbereiten, was ist der Sinn ihrer Mission?

Kardinal Parolin: „Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung im Jahr 1701 wirkte die PAE in einer Welt, in der größtenteils eine tief verwurzelte Präsenz der Kirche bestand. Heute muss sie bei der Ausbildung von Priestern aus den verschiedenen Diözesen der Welt Situationen berücksichtigen, in denen die kirchliche Wirklichkeit ihre ersten Schritte macht oder eingeschränkt und verfolgt wird oder in denen sich religiöse Gleichgültigkeit ausbreitet. Darüber hinaus muss die von der Akademie vermittelte Ausbildung auf die Auseinandersetzung mit den Strukturen der internationalen Gemeinschaft vorbereiten, um an Debatten teilzunehmen, entstehende Linien zu erkennen und Inhalte zu bewerten. Sodann bietet sie eine Deutung gemäß der Soziallehre der Kirche an, im klaren Bewusstsein, dass Fragen der Gerechtigkeit niemals eine endgültige Lösung haben, und mit dem Willen, sicherzustellen, dass die großen Themen der Menschheit von heute und morgen nicht nur konkret, sondern auch mit jener Vernünftigkeit vereinbar sind, die der christlichen Offenbarung eigen ist.

„Bei der Vorbereitung der künftigen Diplomaten berücksichtigt sie die Präsenz kirchlicher Strukturen in den verschiedenen Ländern, was das Handeln des Heiligen Stuhls weit über eine bloße „Soft Power“ hinausführt“

Deshalb ist die erzieherische und formative Mission der PAE im Wesentlichen kirchlich: Bei der Vorbereitung der künftigen Diplomaten berücksichtigt sie die Präsenz kirchlicher Strukturen in den verschiedenen Ländern – von Missionsstationen bis hin zu den Bischofskonferenzen –, was das Handeln des Heiligen Stuhls weit über eine bloße „Soft Power“ hinausführt, da es ihn zu einer genauen Beobachtung der sich ständig wandelnden Wirklichkeit und zu einer gesunden Unterscheidung aufruft, durch die Ereignissen Bedeutung zugeschrieben und konkrete Maßnahmen vorgeschlagen werden können. In diesem Zusammenhang ist die Ausbildung der Studenten nicht nur auf eine Kultur der Qualität ausgerichtet, sondern darauf, jene priesterlichen Eigenschaften zu entwickeln: sich den Menschen nahe zu machen, zuzuhören, in Dialog zu treten und Zeugnis zu geben – in Demut und Sanftmut.“

In der Endphase seines Pontifikats hat Papst Franziskus die Akademie reformiert. Welche Ausrichtung hat der Chirograph (päpstliche handschriftliche Anweisung, Anm.) Il Ministero Petrino gegeben? Und vor allem: Was bedeutet das für die Ausbildung der päpstlichen Diplomaten?

Kardinal Parolin: „Ich erinnere mich noch, dass Papst Franziskus uns Diplomaten bei einer unserer ersten Begegnungen ein Bild schenkte: ,Priester mit dem Koffer in der Hand‘. Es ist wahr: Nuntien und apostolische Delegierte, Beobachter und ständige Vertreter, Berater, Sekretäre und Mitarbeiter sind keine Titel, sondern die Gesichter eines priesterlichen und evangelisierenden Dienstes. Dies hat dazu geführt, den Ausbildungsweg der PAE neu zu ordnen, ihre Struktur zu aktualisieren und das neue Statut in spezifischer Form zu genehmigen. Es ist die Anerkennung einer Funktion, aber auch die notwendige Verpflichtung zu einem Handeln, das – so könnte man sagen – zugleich pastoral und technisch ist.

In Anlehnung an die Ausrichtung der akademischen Studien, die Franziskus selbst den kirchlichen Hochschuleinrichtungen mit der Apostolischen Konstitution Veritatis gaudium gegeben hatte, wurde die PAE als Institut für höhere Ausbildung in den Diplomatischen Wissenschaften strukturiert, mit der Möglichkeit, akademische Grade des Lizentiats und des Doktorats zu verleihen. Auf diese Weise erhalten die päpstlichen Diplomaten eine Ausbildung, die sie – auf der Grundlage jener Indikatoren, die auf internationaler Ebene die diplomatischen Akademien der Staaten kennzeichnen – ihren Kollegen näherbringt, die in entsprechenden Bildungseinrichtungen mit dieser spezifischen Berufung ausgebildet werden."

Diplomaten, die mehr mehr zum Zeugnisgeben als zum Verhandeln berufen sind
Die Ereignisse unserer Zeit zeichnen ein Bild einer Diplomatie, die in ihrem Handeln eingeschränkt und unfähig ist, Konflikte zu verhindern, zu regeln oder zu lösen. Ist dies ein Eindruck, den auch der Heilige Stuhl wahrnimmt? Welche Antwort kann die PAE geben?

Kardinal Parolin: „Ich würde mit dem letzten Teil der Frage beginnen. Die Studenten der Akademie werden sich im besonderen Bereich der Diplomatischen Wissenschaften durch eine erneuerte Ausrichtung im Studium der juristischen, historischen, politikwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Disziplinen vorbereiten können und dabei in jedem dieser Bereiche eine angemessene wissenschaftliche Kompetenz entwickeln. Die Lehrprogramme werden darüber hinaus eine enge Verbindung zu den kirchlichen Disziplinen, zur Arbeitsweise der Römischen Kurie und umfassender zum Evangelisierungswerk der Kirche in ihrer Beziehung zur Gesellschaft und zur menschlichen Kultur aufrechterhalten. Im Übrigen sind dies konstitutive Elemente des diplomatischen Handelns des Apostolischen Stuhls.

Doch angesichts dessen, was wir täglich lesen und wahrnehmen, ist all dies für einen Diplomaten nicht ausreichend, der mehr zum Zeugnisgeben als zum Verhandeln berufen ist. Der Erwerb theoretischer Kenntnisse geht Hand in Hand mit einem Lebensstil, aus dem eine Arbeitsweise hervorgeht, die es dem päpstlichen Diplomaten ermöglicht, die Dynamiken der internationalen Beziehungen tiefgehend zu verstehen und Anerkennung dafür zu finden, die erreichbaren Ziele richtig einzuschätzen, ohne die Schwierigkeiten zu verschweigen, denen er sich stellen muss.

Die Antwort auf die Krise der internationalen Ordnung, die durch eine erneute Orientierung an der Anwendung von Gewalt und durch die Missachtung der Regeln des Völkerrechts entstanden ist, kann nur darin bestehen, konkrete Wege des Friedens zu entwerfen, die aus Prinzipien, Regeln und Strukturen bestehen, welche die Ordnung zwischen den Nationen gewährleisten. Dies ist heute die Aufgabe, die dem Werk der Päpstlichen Diplomatenakademie anvertraut ist, dreihundertfünfundzwanzig Jahre nach ihrer Gründung.“

(vatican news - cs)

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Kommentare

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Klavierspielerin2 Heute, 14:30
Vatikan: Post würdigt 325-jähriges Bestehen der Diplomatenakademie
https://www.christ-sucht-christ.de/christliches-forum/read/164444/
 
hansfeuerstein Heute, 22:56
Die Gegenwart macht sich Illusionen, die sich früher keiner gemacht hätte.
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