Unser Sonntag: Das missverstandene Schaf
26.04.2026 08:04
Unser Sonntag: Das missverstandene Schaf
26.04.2026 08:04
Unser Sonntag: Das missverstandene Schaf
Für diese Betrachtung wählt Tobias Teuscher eine ungewöhnliche Anrede und er geht darauf ein, dass das Evangelium vom Hören und von der Tür spricht, von Beziehung und Unterscheidung, von Freiheit und Schutz, von Berufung als Schaf und als Hirte. Berufung beginnt mit einem Ruf: Du bist gemeint.
Tobias Teuscher
Joh 10, 1-10
Guten Tag, liebe Schafe.
Man beginnt eine geistliche Betrachtung normalerweise anders. Aber das Evangelium von heute ist in dieser Frage erstaunlich schmerzfrei. Jesus vergleicht uns mit Schafen. Das ist kommunikativ gewagt, denn das Schaf hat in unserer Sprache keinen guten Ruf. Vom dummen Schaf bis zum schwarzen Schaf hat dieses Tier einiges auszuhalten. Würde Jesus das heute in einer Pressekonferenz sagen, hätten kirchliche Kommunikationsabteilungen einiges zu tun, um das wieder einzufangen. Nicht zuletzt hier bei Radio Vatikan.
Indes, das Schaf des Evangeliums ist nicht das dumme Tier, das blind mitläuft. Seine Würde liegt darin, dass es hören kann. Es erkennt eine Stimme. Es unterscheidet. Es folgt nicht jedem Lärm, nicht jeder Parole, nicht jedem Versprechen, nicht jedem, der laut genug kreischt. Es ist ein vernunftbegabtes Schaf, würde Immanuel Kant sagen. Vielleicht ist das eine der unterschätzten Formen von Freiheit: sich im Vertrauen auf Gott seines eigenen Verstandes zu bedienen und deswegen nicht alles hören zu müssen, sondern jene Stimme zu erkennen, die Leben schenkt.
Dieser vierte Sonntag der Osterzeit ist der Sonntag des Guten Hirten. Heute begeht die Kirche den Weltgebetstag um geistliche Berufungen. Und das Johannes-Evangelium führt uns sofort zum Wesentlichen: Berufung beginnt mit Hören. In diesem Abschnitt sagt Jesus noch nicht zuerst: Ich bin der gute Hirte. Das kommt unmittelbar danach. Hier sagt er zuerst: Ich bin die Tür. Eine Tür steht für Schutz und Zerbrechlichkeit, für den Übergang, und die Freiheit, abwägen zu können: ich kann durchgehen, muss aber nicht.
„Eine Tür steht für Schutz und Zerbrechlichkeit, für den Übergang, und die Freiheit, abwägen zu können: ich kann durchgehen, muss aber nicht.“
Das Evangelium spricht vom Hören und von der Tür, von Beziehung und Unterscheidung, von Freiheit und Schutz, von Berufung als Schaf und als Hirte. Berufung beginnt mit einem Ruf: Du bist gemeint. Das ist der eigentliche Anfang jeder christlichen Berufung. Gott ruft nicht zuerst eine Fähigkeit, keine Rolle und keine Funktion. Er ruft einen Menschen, und zwar nicht erst dann, wenn dieser Mensch fertig, klar und besonders geeignet wäre. Die Gnade Gottes ist immer zuerst da.
Kein Leben bleibt unbeachtet
Psalm 139 sagt: „Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war.“ Und zu Jeremia spricht Gott: „Ich habe dich schon gekannt, ehe ich dich im Mutterleib bildete.“ Damit ist nicht gemeint, dass unser Leben ein starres Drehbuch wäre. Aber kein Mensch ist Zufall vor Gott. Kein Leben bleibt unbeachtet. Kein Weg ist ihm gleichgültig. Berufung beginnt deshalb nicht mit Nützlichkeit, sondern mit Erwählung. Jeder Getaufte hat eine Mission. Nicht jeder dieselbe, nicht in derselben Form, nicht in derselben Sichtbarkeit. Aber jeder in derselben Würde.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Wahrheit mit besonderem Nachdruck ausgesprochen: Alle Gläubigen sind zur Heiligkeit gerufen, jeder auf seinem Weg. Berufung ist also nicht nur ein Thema für Priester und Ordensleute. Sie geht uns alle an. Der kanadische Priester und Psychologe Jean Monbourquette fand dafür eine einfache Formel: jedem seine Mission („à chacun sa mission“). Wer von Gott geschaffen ist, ist auch von Gott mit einer ihm zugedachten Mission bestimmt. Je eher wir sie entdecken und annehmen, desto besser.
Den Alltag heiligen
Berufung heißt deshalb nicht zuerst: Was kann ich aus meinem Leben machen? Sondern: Was will Gott mit meinem Leben zum Segen der Gemeinschaft machen? Der heilige Josemaría Escrivá hat das mit besonderer Klarheit für gewöhnliche Christen inmitten der Welt formuliert: Das gewöhnliche Leben, die Arbeit und die Pflichten des Alltags können Orte der Heiligung und der Sendung werden. Man darf vor Berufung nicht so viel Angst haben. Wer ehrlich sucht, betet, hört und sich führen lässt, darf darauf vertrauen, dass Gott auch mit krummen Linien gerade schreiben kann. Berufung wächst oft schrittweise, mit Korrekturen, Treue und Geduld. Nicht Zweifel sind gute Ratgeber, sondern das Vertrauen.
Menschenwürde ist nicht verhandelbar
Hier berührt das Evangelium unmittelbar die katholische Soziallehre, die der deutsche Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877) aus Mainz tonangebend mitgeprägt hat. Der erste Grundsatz ist die Würde der Person. Wenn Gott den Menschen bei seinem Namen ruft, dann ist seine Würde nicht verhandelbar. Der Mensch ist Person vom vorgeburtlichen Stadium im Mutterleib bis zum seinem natürlichen Tod. Der zweite Grundsatz ist das Gemeinwohl. Gute Führung dient nicht der Selbstbedienung, sondern dem Ganzen. Falsche Hirten leben von der Herde. Der gute Hirte lebt für sie. Wo Verantwortung nur noch dem eigenen Vorteil, der Vetternwirtschaft oder dem Machterhalt von Beutegemeinschaften dient, ist sie innerlich verdorben.
„Wahre Autorität macht nicht kleiner, sondern fähiger. Sie hält Menschen nicht in Unmündigkeit fest, sondern hilft ihnen, aufrecht, urteilsfähig und verantwortungsbereit zu werden.“
Der dritte Grundsatz ist die Subsidiarität. Wahre Autorität macht nicht kleiner, sondern fähiger. Sie hält Menschen nicht in Unmündigkeit fest, sondern hilft ihnen, aufrecht, urteilsfähig und verantwortungsbereit zu werden. Dazu gehört auch die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Der gute Hirte zwingt zu nichts. Er ruft so, dass wir in Freiheit antworten können. Nächstes Jahr begehen wir den 150. Todestag von Bischof von Ketteler, dem deutschen Begründer der allgemeinen katholischen Soziallehre. Aus diesem Anlass schlage ich konkret ein internationales Ketteler-Symposium in Rom, in Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Akademie für die Sozialwissenschaften (PASS), vor.
Blick auf die an den Rand Gedrängten
Ketteler jedenfalls gehört zu den wichtigen Wegbereitern der katholischen Soziallehre. Gerade deshalb ist er für einen Sonntag des Guten Hirten so aktuell: Er begriff, dass ein Hirte die soziale Wirklichkeit nicht übersehen darf. Wer die Armen, die Arbeiter, die Familien, die Verletzlichen und an den Rand Gedrängten nicht sieht, hört das Evangelium nur halb. Wer von Berufung spricht, darf nicht zu eng denken. Gott ruft nicht nur in den geweihten Dienst der Kirche, nicht nur an den Altar oder ins Kloster. Er ruft auch in die Ehe, in die Familie, in den Beruf, in die Öffentlichkeit, in Verantwortung, Widerspruch und Zeugnis. Berufung geschieht dort, wo ein Mensch sein Leben nicht mehr bloß als eigenes Projekt versteht, sondern als Antwort auf einen Ruf Gottes.
Zeugen: J. Liminski; M. Lohmann; P. Badde
Um das besser zu verstehen, helfen uns drei zeitgenössische katholische Zeugen, leider alle drei viel zu früh verstorben, deren Namen vielen jedoch noch im Ohr sind, weil sie zu den herausragenden deutschsprachigen Publizisten des Katholischen gehörten: Jürgen Liminski, Martin Lohmann und Paul Badde. Sie haben sehr unterschiedlich gelebt und gewirkt, und gerade darin liegt ihre Aussagekraft. Jürgen Liminski steht für die Treue im Nahbereich: für Ehe, Kinder, Gebet und Verantwortung, für ein christliches Familienleben, das aus der Stille des Alltags einer kinderreichen Familie heraus über Jahrzehnte Form gewonnen hat. Bei ihm war Familie nicht Randthema, sondern Berufung: Schule des Glaubens, Raum der Erziehung, Übung in der Liebe und jene erste Öffentlichkeit, in der christliche Wahrheit glaubwürdig gelebt werden muss, bevor man von ihr außerhalb spricht. Martin Lohmann steht für die Treue im Konflikt, zugleich aber auch für die Treue zur Familie als Ort von Schutz, Bindung und Verantwortung. Als Ehemann und Vater stand er für Gewissen, Wahrheit, Menschenwürde und jene Standfestigkeit, die auch unter Druck nicht ausweicht.
Paul Badde wiederum steht für die Treue der suchenden Aufmerksamkeit, für die Gabe, in der Geschichte, an heiligen Orten, in Gesichtern und Zeichen die Spuren Gottes zu entdecken und andere darauf hinzuweisen. Keiner von ihnen war Hirte im sakramentalen Sinn. Aber alle drei haben in ihrem jeweiligen Feld etwas von der gesellschaftlichen Verantwortung eines Hirten übernommen: durch den Schutz des Schwachen, durch Klarheit im publizistischen Wort und durch Beharrlichkeit im Glauben. Gemeinsam bezeugen sie, dass christliche Berufung auch heute nicht zuerst Amt, Karriere oder Sichtbarkeit bedeutet, sondern gelebte Treue in Familie, Öffentlichkeit, Beruf und vor Gott.
Entdeckung der Gabe Gottes im eigenen Inneren
Vielleicht lässt sich der Charakter der Berufung ganz einfach beschreiben: Gott ruft uns nicht, weil wir nützlich wären. Er ruft uns, weil er uns kennt. Papst Leo XIV. hat diesem Weltgebetstag 2026 ein starkes Leitwort gegeben: die Entdeckung der Gabe Gottes im eigenen Inneren. Wer nicht nach innen hört, wird nach außen schnell verfügbar und verführbar.
Berufung wächst in Stille, Gebet, im Hören auf das Wort Gottes, im sakramentalen Leben, in Begleitung und im Vertrauen. Sie ist eine Gabe, die reift. Einen Vers nach dem heutigen Evangelium nennt Jesus sich den guten, wörtlich: den schönen Hirten. Schön nicht im Sinn bloßer Ästhetik, sondern im Sinn von wahr, heil, glaubwürdig und anziehend. Vielleicht liegt hier eine tiefe Berufungskrise unserer Zeit: Dienste sind schwer geworden, und darüber hinaus wird ihre Schönheit verdeckt durch Müdigkeit, Verwaltung, Angst und schlechte Kommunikation.
Gewissenserforschung der ganzen Kirche
Christus ruft in die Schönheit eines Lebens, das sich verschenkt. Diese Schönheit hat viele Gestalten. Der Weltgebetstag um geistliche Berufungen ist darum nicht nur Werbung für das Priesterseminar und das Klosterleben. Er ist eine Gewissenserforschung der ganzen Kirche. Leben wir so, dass ein Mensch den Ruf Gottes überhaupt hören kann? Sind unsere Familien, Gemeinden, Verbände, Schulen, Orden und Priesterhäuser Räume, in denen die innere Gabe Gottes wachsen darf? Oder sind wir so nervös, so beschäftigt und so kirchenpolitisch verknotet, dass die Stimme des Hirten kaum noch durchkommt?
Priesterberufungen fördern
Dieser Tag hat eine Geschichte. Der selige Papst Paul VI. führte ihn 1964 ein, mitten im Zweiten Vatikanischen Konzil. Ein Jahr später griff das Konzil diese Sicht auf. Im Dekret „Optatam totius“ (28. Oktober 1965) über die Ausbildung der Priester heißt es: Berufungen zu fördern ist Aufgabe der gesamten christlichen Gemeinde. Familien sind dabei der erste Ort, an dem Berufung atmen lernt. Pfarrgemeinden, Erzieher, Priester und Bischöfe tragen gemeinsam Verantwortung. Das Konzil sagte damit etwas bis heute sehr Modernes: Eine Berufung wächst in einem Klima, durch Menschen, die glaubwürdig leben.
„Die Tür Christi ist keine ideologische Schranke. Sie ist der Durchgang aus der Selbstbezogenheit in den Dienst, aus Angst zum Vertrauen, aus bloßer Frömmigkeit zum gelebten Glauben“
Der Hirte des Evangeliums führt nicht in eine religiöse Sonderwelt, sondern mitten ins Leben. Hier wird das Evangelium vom Hirten sozial, politisch und unbequem. Der gute Hirte kennt seine Schafe nicht abstrakt. Er sieht Menschen mit Leib und Geschichte. Jesus sagt: Ich bin die Tür. Wer durch ihn geht, findet nicht Enge, sondern Leben, nämlich die grüne Weide. Die Tür Christi ist keine ideologische Schranke. Sie ist der Durchgang aus der Selbstbezogenheit in den Dienst, aus Angst zum Vertrauen, aus bloßer Frömmigkeit zum gelebten Glauben. Niemand wird Hirte, indem er sich selbst wichtig nimmt.
Der auferstandene Christus ruft jeden von uns
Freiheit heißt: Ich kenne die Stimme, der ich mein Leben anvertrauen kann. Ich weiß, wer mich ruft. Ich weiß auch, welchen Stimmen ich nicht zuhören muss. Die moderne Welt sagt: Sei kein Schaf. Christus sagt: Lerne zu hören. Unfrei ist nicht der Mensch, der einer guten Stimme folgt. Unfrei ist der Mensch, der nicht mehr merkt, welchen schlechten Stimmen er längst verfallen ist. Der auferstandene Christus ruft jeden von uns bei seinem Namen. Er ruft nicht in die Herde der Ununterscheidbaren, sondern in eine Gemeinschaft der Hörenden. Aus dieser Gemeinschaft sendet er Menschen: in Ehe und Familie, in den priesterlichen Dienst, in den Diakonat, ins Ordensleben, in die Caritas, in die Arbeitswelt, an Krankenbetten, in Klassenzimmer und Nachbarschaften.
Wir bitten Gott nicht nur, andere zu rufen. Wir erlauben ihm, uns selbst zu rufen.
Herr, zeige mir meine Berufung, zeige mir meine Mission, und gib mir die Kraft, sie zu leben.
„Mache mich zu Deinem Werkzeug“ würde Franz von Assisi sagen.
Wen rufst du durch mich?
Welche Stimme muss ich leiser drehen, damit deine hörbar wird?
Welche Tür muss ich durchschreiten, und welche besser nicht?
Und wo wartet heute ein Mensch, der einen Hirten braucht?
Wenn wir so beten, dann wird der Weltgebetstag um geistliche Berufungen mehr als ein Tag kirchlicher Selbsterhaltung. Dann wird er ein Ruf zur Erneuerung. Christus ist die Tür. Christus ist die Stimme. Christus ist der schöne Hirte. Wer Christus folgt, wird frei, seiner Berufung, seiner Mission, zu folgen.
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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Tobias Teuscher
Joh 10, 1-10
Guten Tag, liebe Schafe.
Man beginnt eine geistliche Betrachtung normalerweise anders. Aber das Evangelium von heute ist in dieser Frage erstaunlich schmerzfrei. Jesus vergleicht uns mit Schafen. Das ist kommunikativ gewagt, denn das Schaf hat in unserer Sprache keinen guten Ruf. Vom dummen Schaf bis zum schwarzen Schaf hat dieses Tier einiges auszuhalten. Würde Jesus das heute in einer Pressekonferenz sagen, hätten kirchliche Kommunikationsabteilungen einiges zu tun, um das wieder einzufangen. Nicht zuletzt hier bei Radio Vatikan.
Indes, das Schaf des Evangeliums ist nicht das dumme Tier, das blind mitläuft. Seine Würde liegt darin, dass es hören kann. Es erkennt eine Stimme. Es unterscheidet. Es folgt nicht jedem Lärm, nicht jeder Parole, nicht jedem Versprechen, nicht jedem, der laut genug kreischt. Es ist ein vernunftbegabtes Schaf, würde Immanuel Kant sagen. Vielleicht ist das eine der unterschätzten Formen von Freiheit: sich im Vertrauen auf Gott seines eigenen Verstandes zu bedienen und deswegen nicht alles hören zu müssen, sondern jene Stimme zu erkennen, die Leben schenkt.
Dieser vierte Sonntag der Osterzeit ist der Sonntag des Guten Hirten. Heute begeht die Kirche den Weltgebetstag um geistliche Berufungen. Und das Johannes-Evangelium führt uns sofort zum Wesentlichen: Berufung beginnt mit Hören. In diesem Abschnitt sagt Jesus noch nicht zuerst: Ich bin der gute Hirte. Das kommt unmittelbar danach. Hier sagt er zuerst: Ich bin die Tür. Eine Tür steht für Schutz und Zerbrechlichkeit, für den Übergang, und die Freiheit, abwägen zu können: ich kann durchgehen, muss aber nicht.
„Eine Tür steht für Schutz und Zerbrechlichkeit, für den Übergang, und die Freiheit, abwägen zu können: ich kann durchgehen, muss aber nicht.“
Das Evangelium spricht vom Hören und von der Tür, von Beziehung und Unterscheidung, von Freiheit und Schutz, von Berufung als Schaf und als Hirte. Berufung beginnt mit einem Ruf: Du bist gemeint. Das ist der eigentliche Anfang jeder christlichen Berufung. Gott ruft nicht zuerst eine Fähigkeit, keine Rolle und keine Funktion. Er ruft einen Menschen, und zwar nicht erst dann, wenn dieser Mensch fertig, klar und besonders geeignet wäre. Die Gnade Gottes ist immer zuerst da.
Kein Leben bleibt unbeachtet
Psalm 139 sagt: „Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war.“ Und zu Jeremia spricht Gott: „Ich habe dich schon gekannt, ehe ich dich im Mutterleib bildete.“ Damit ist nicht gemeint, dass unser Leben ein starres Drehbuch wäre. Aber kein Mensch ist Zufall vor Gott. Kein Leben bleibt unbeachtet. Kein Weg ist ihm gleichgültig. Berufung beginnt deshalb nicht mit Nützlichkeit, sondern mit Erwählung. Jeder Getaufte hat eine Mission. Nicht jeder dieselbe, nicht in derselben Form, nicht in derselben Sichtbarkeit. Aber jeder in derselben Würde.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Wahrheit mit besonderem Nachdruck ausgesprochen: Alle Gläubigen sind zur Heiligkeit gerufen, jeder auf seinem Weg. Berufung ist also nicht nur ein Thema für Priester und Ordensleute. Sie geht uns alle an. Der kanadische Priester und Psychologe Jean Monbourquette fand dafür eine einfache Formel: jedem seine Mission („à chacun sa mission“). Wer von Gott geschaffen ist, ist auch von Gott mit einer ihm zugedachten Mission bestimmt. Je eher wir sie entdecken und annehmen, desto besser.
Den Alltag heiligen
Berufung heißt deshalb nicht zuerst: Was kann ich aus meinem Leben machen? Sondern: Was will Gott mit meinem Leben zum Segen der Gemeinschaft machen? Der heilige Josemaría Escrivá hat das mit besonderer Klarheit für gewöhnliche Christen inmitten der Welt formuliert: Das gewöhnliche Leben, die Arbeit und die Pflichten des Alltags können Orte der Heiligung und der Sendung werden. Man darf vor Berufung nicht so viel Angst haben. Wer ehrlich sucht, betet, hört und sich führen lässt, darf darauf vertrauen, dass Gott auch mit krummen Linien gerade schreiben kann. Berufung wächst oft schrittweise, mit Korrekturen, Treue und Geduld. Nicht Zweifel sind gute Ratgeber, sondern das Vertrauen.
Menschenwürde ist nicht verhandelbar
Hier berührt das Evangelium unmittelbar die katholische Soziallehre, die der deutsche Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877) aus Mainz tonangebend mitgeprägt hat. Der erste Grundsatz ist die Würde der Person. Wenn Gott den Menschen bei seinem Namen ruft, dann ist seine Würde nicht verhandelbar. Der Mensch ist Person vom vorgeburtlichen Stadium im Mutterleib bis zum seinem natürlichen Tod. Der zweite Grundsatz ist das Gemeinwohl. Gute Führung dient nicht der Selbstbedienung, sondern dem Ganzen. Falsche Hirten leben von der Herde. Der gute Hirte lebt für sie. Wo Verantwortung nur noch dem eigenen Vorteil, der Vetternwirtschaft oder dem Machterhalt von Beutegemeinschaften dient, ist sie innerlich verdorben.
„Wahre Autorität macht nicht kleiner, sondern fähiger. Sie hält Menschen nicht in Unmündigkeit fest, sondern hilft ihnen, aufrecht, urteilsfähig und verantwortungsbereit zu werden.“
Der dritte Grundsatz ist die Subsidiarität. Wahre Autorität macht nicht kleiner, sondern fähiger. Sie hält Menschen nicht in Unmündigkeit fest, sondern hilft ihnen, aufrecht, urteilsfähig und verantwortungsbereit zu werden. Dazu gehört auch die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Der gute Hirte zwingt zu nichts. Er ruft so, dass wir in Freiheit antworten können. Nächstes Jahr begehen wir den 150. Todestag von Bischof von Ketteler, dem deutschen Begründer der allgemeinen katholischen Soziallehre. Aus diesem Anlass schlage ich konkret ein internationales Ketteler-Symposium in Rom, in Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Akademie für die Sozialwissenschaften (PASS), vor.
Blick auf die an den Rand Gedrängten
Ketteler jedenfalls gehört zu den wichtigen Wegbereitern der katholischen Soziallehre. Gerade deshalb ist er für einen Sonntag des Guten Hirten so aktuell: Er begriff, dass ein Hirte die soziale Wirklichkeit nicht übersehen darf. Wer die Armen, die Arbeiter, die Familien, die Verletzlichen und an den Rand Gedrängten nicht sieht, hört das Evangelium nur halb. Wer von Berufung spricht, darf nicht zu eng denken. Gott ruft nicht nur in den geweihten Dienst der Kirche, nicht nur an den Altar oder ins Kloster. Er ruft auch in die Ehe, in die Familie, in den Beruf, in die Öffentlichkeit, in Verantwortung, Widerspruch und Zeugnis. Berufung geschieht dort, wo ein Mensch sein Leben nicht mehr bloß als eigenes Projekt versteht, sondern als Antwort auf einen Ruf Gottes.
Zeugen: J. Liminski; M. Lohmann; P. Badde
Um das besser zu verstehen, helfen uns drei zeitgenössische katholische Zeugen, leider alle drei viel zu früh verstorben, deren Namen vielen jedoch noch im Ohr sind, weil sie zu den herausragenden deutschsprachigen Publizisten des Katholischen gehörten: Jürgen Liminski, Martin Lohmann und Paul Badde. Sie haben sehr unterschiedlich gelebt und gewirkt, und gerade darin liegt ihre Aussagekraft. Jürgen Liminski steht für die Treue im Nahbereich: für Ehe, Kinder, Gebet und Verantwortung, für ein christliches Familienleben, das aus der Stille des Alltags einer kinderreichen Familie heraus über Jahrzehnte Form gewonnen hat. Bei ihm war Familie nicht Randthema, sondern Berufung: Schule des Glaubens, Raum der Erziehung, Übung in der Liebe und jene erste Öffentlichkeit, in der christliche Wahrheit glaubwürdig gelebt werden muss, bevor man von ihr außerhalb spricht. Martin Lohmann steht für die Treue im Konflikt, zugleich aber auch für die Treue zur Familie als Ort von Schutz, Bindung und Verantwortung. Als Ehemann und Vater stand er für Gewissen, Wahrheit, Menschenwürde und jene Standfestigkeit, die auch unter Druck nicht ausweicht.
Paul Badde wiederum steht für die Treue der suchenden Aufmerksamkeit, für die Gabe, in der Geschichte, an heiligen Orten, in Gesichtern und Zeichen die Spuren Gottes zu entdecken und andere darauf hinzuweisen. Keiner von ihnen war Hirte im sakramentalen Sinn. Aber alle drei haben in ihrem jeweiligen Feld etwas von der gesellschaftlichen Verantwortung eines Hirten übernommen: durch den Schutz des Schwachen, durch Klarheit im publizistischen Wort und durch Beharrlichkeit im Glauben. Gemeinsam bezeugen sie, dass christliche Berufung auch heute nicht zuerst Amt, Karriere oder Sichtbarkeit bedeutet, sondern gelebte Treue in Familie, Öffentlichkeit, Beruf und vor Gott.
Entdeckung der Gabe Gottes im eigenen Inneren
Vielleicht lässt sich der Charakter der Berufung ganz einfach beschreiben: Gott ruft uns nicht, weil wir nützlich wären. Er ruft uns, weil er uns kennt. Papst Leo XIV. hat diesem Weltgebetstag 2026 ein starkes Leitwort gegeben: die Entdeckung der Gabe Gottes im eigenen Inneren. Wer nicht nach innen hört, wird nach außen schnell verfügbar und verführbar.
Berufung wächst in Stille, Gebet, im Hören auf das Wort Gottes, im sakramentalen Leben, in Begleitung und im Vertrauen. Sie ist eine Gabe, die reift. Einen Vers nach dem heutigen Evangelium nennt Jesus sich den guten, wörtlich: den schönen Hirten. Schön nicht im Sinn bloßer Ästhetik, sondern im Sinn von wahr, heil, glaubwürdig und anziehend. Vielleicht liegt hier eine tiefe Berufungskrise unserer Zeit: Dienste sind schwer geworden, und darüber hinaus wird ihre Schönheit verdeckt durch Müdigkeit, Verwaltung, Angst und schlechte Kommunikation.
Gewissenserforschung der ganzen Kirche
Christus ruft in die Schönheit eines Lebens, das sich verschenkt. Diese Schönheit hat viele Gestalten. Der Weltgebetstag um geistliche Berufungen ist darum nicht nur Werbung für das Priesterseminar und das Klosterleben. Er ist eine Gewissenserforschung der ganzen Kirche. Leben wir so, dass ein Mensch den Ruf Gottes überhaupt hören kann? Sind unsere Familien, Gemeinden, Verbände, Schulen, Orden und Priesterhäuser Räume, in denen die innere Gabe Gottes wachsen darf? Oder sind wir so nervös, so beschäftigt und so kirchenpolitisch verknotet, dass die Stimme des Hirten kaum noch durchkommt?
Priesterberufungen fördern
Dieser Tag hat eine Geschichte. Der selige Papst Paul VI. führte ihn 1964 ein, mitten im Zweiten Vatikanischen Konzil. Ein Jahr später griff das Konzil diese Sicht auf. Im Dekret „Optatam totius“ (28. Oktober 1965) über die Ausbildung der Priester heißt es: Berufungen zu fördern ist Aufgabe der gesamten christlichen Gemeinde. Familien sind dabei der erste Ort, an dem Berufung atmen lernt. Pfarrgemeinden, Erzieher, Priester und Bischöfe tragen gemeinsam Verantwortung. Das Konzil sagte damit etwas bis heute sehr Modernes: Eine Berufung wächst in einem Klima, durch Menschen, die glaubwürdig leben.
„Die Tür Christi ist keine ideologische Schranke. Sie ist der Durchgang aus der Selbstbezogenheit in den Dienst, aus Angst zum Vertrauen, aus bloßer Frömmigkeit zum gelebten Glauben“
Der Hirte des Evangeliums führt nicht in eine religiöse Sonderwelt, sondern mitten ins Leben. Hier wird das Evangelium vom Hirten sozial, politisch und unbequem. Der gute Hirte kennt seine Schafe nicht abstrakt. Er sieht Menschen mit Leib und Geschichte. Jesus sagt: Ich bin die Tür. Wer durch ihn geht, findet nicht Enge, sondern Leben, nämlich die grüne Weide. Die Tür Christi ist keine ideologische Schranke. Sie ist der Durchgang aus der Selbstbezogenheit in den Dienst, aus Angst zum Vertrauen, aus bloßer Frömmigkeit zum gelebten Glauben. Niemand wird Hirte, indem er sich selbst wichtig nimmt.
Der auferstandene Christus ruft jeden von uns
Freiheit heißt: Ich kenne die Stimme, der ich mein Leben anvertrauen kann. Ich weiß, wer mich ruft. Ich weiß auch, welchen Stimmen ich nicht zuhören muss. Die moderne Welt sagt: Sei kein Schaf. Christus sagt: Lerne zu hören. Unfrei ist nicht der Mensch, der einer guten Stimme folgt. Unfrei ist der Mensch, der nicht mehr merkt, welchen schlechten Stimmen er längst verfallen ist. Der auferstandene Christus ruft jeden von uns bei seinem Namen. Er ruft nicht in die Herde der Ununterscheidbaren, sondern in eine Gemeinschaft der Hörenden. Aus dieser Gemeinschaft sendet er Menschen: in Ehe und Familie, in den priesterlichen Dienst, in den Diakonat, ins Ordensleben, in die Caritas, in die Arbeitswelt, an Krankenbetten, in Klassenzimmer und Nachbarschaften.
Wir bitten Gott nicht nur, andere zu rufen. Wir erlauben ihm, uns selbst zu rufen.
Herr, zeige mir meine Berufung, zeige mir meine Mission, und gib mir die Kraft, sie zu leben.
„Mache mich zu Deinem Werkzeug“ würde Franz von Assisi sagen.
Wen rufst du durch mich?
Welche Stimme muss ich leiser drehen, damit deine hörbar wird?
Welche Tür muss ich durchschreiten, und welche besser nicht?
Und wo wartet heute ein Mensch, der einen Hirten braucht?
Wenn wir so beten, dann wird der Weltgebetstag um geistliche Berufungen mehr als ein Tag kirchlicher Selbsterhaltung. Dann wird er ein Ruf zur Erneuerung. Christus ist die Tür. Christus ist die Stimme. Christus ist der schöne Hirte. Wer Christus folgt, wird frei, seiner Berufung, seiner Mission, zu folgen.
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