Unser Sonntag: Ein Gott - drei Personen - Vertrauen lernen
Heute, 07:51
Unser Sonntag: Ein Gott - drei Personen - Vertrauen lernen
Heute, 07:51
Unser Sonntag: Ein Gott - drei Personen - Vertrauen lernen
Gabriele Rohardt-Bellè lädt uns zum Hochfest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit dazu ein, über das Geheimnis Gottes neu nachzudenken. Es ermutigt dazu, Glauben nicht nur als Wissen, sondern als Vertrauen zu verstehen – und sich der Liebe Gottes bewusst zu öffnen..
Gabriele Rohardt-Bellè, Verona
Joh 3, 16–18
Liebe Hörerinnen und Hörer,
heute ist der erste Sonntag nach Pfingsten und im geltenden römisch-katholischen Generalkalender heißt dieser Sonntag Sollemnitas Sanctissimae Trinitatis, „Hochfest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit“.
Anders als viele andere Festtage bezieht sich der Dreifaltigkeitssonntag nicht auf ein bestimmtes Ereignis im Leben Jesu, sondern auf ein grundlegendes Glaubensgeheimnis des Christentums: Die Lehre von der Trinität.
Sie ist eines der wichtigsten Dogmen der Kirche – so wichtig, dass ihr sogar dieser eigene Gedenktag gewidmet wird. Dieses Fest, auch Ideenfest genannt, wurde im Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1334, von Papst Johannes XXII. für die Gesamtkirche eingeführt, auch wenn es vielerorts, besonders in französischen Benediktinerklöstern, bereits vorher seit mehreren Jahrhunderten gefeiert wurde.
Übergang in die „grüne Zeit“ – und die Sprache der Liturgie
Dieses Hochfest markiert den Übergang von der österlichen Festzeit, also von Ostern bis Pfingsten, in die normale Zeit im Jahreskreis, die sogenannte „grüne“ Zeit. Diese Farbe steht für neues Leben und Hoffnung und steht somit im Einklang mit der herrlichen Frühlingszeit.
Die liturgische Farbe des Dreifaltigkeitssonntags ist allerdings Weiß. Als Farbe des Lichtes, des Friedens, der Freude und der Unschuld symbolisiert sie Reinheit, Glanz und Vollkommenheit, ganz im Sinne von 1 Joh 1,5 („Gott ist Licht" ). Man wird den Priester an diesem Festtag im Gottesdienst also in einem weißen Messgewand am Altar stehen sehen, wenn er den Schlusssegen spricht, der an keinem anderen Tag so passend ist, wie am Dreifaltigkeitssonntag: „Es segne und behüte euch der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist."
Das Bekenntnis, das unser Leben prägt
Ja, eben diese Formel: Im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes – und das dazugehörige Kreuzzeichen kennt wohl jeder Katholik von klein auf und spricht sie intuitiv am Anfang und am Ende eines jeden Gebetes. Unser aller Leben ist vom Bekenntnis zum einen und dreifaltigen Gott geprägt: Anfang und Ende, Taufe und Begräbnis, Aufstehen und Zubettgehen, Morgen- und Abendgebet, Tischsegen und natürlich die Heilige Messe…und so auch im Leben der Kirche, in der gesamten Liturgie; alles Beten und Opfern richtet sich durch Christus im Heiligen Geist an den Vater.
„Gott ist Liebe im inneren Leben einer einzigen Gottheit. Diese Liebe offenbart sich in einer unaussprechlichen Gemeinschaft von drei Personen“
Papst Johannes Paul II. sagte dazu in einer Ansprache:„Gott, der für uns unbegreiflich ist, hat sich selbst nicht nur als der eine Schöpfer und allmächtige Vater geoffenbart, sondern auch als Vater, Sohn und Heiliger Geist. In dieser Offenbarung enthüllt sich uns die Wahrheit über Gott, der die Liebe ist, in ihrer wesentlichen Quelle: Gott ist Liebe im inneren Leben einer einzigen Gottheit. Diese Liebe offenbart sich in einer unaussprechlichen Gemeinschaft von drei Personen.“
Nikodemus – ein Suchender begegnet Jesus
Wenden wir uns jetzt dem heutigen Evangelium zu. Der Johannestext ist zwar kurz, aber von größtem Gewicht. Wir sind am Ende des Gesprächs Jesu mit Nikodemus, der angesehene Schriftgelehrte und Mitglied des Hohen Rats in Jerusalem, der nachts den Herrn aufsucht, um sich über die geistliche Wiedergeburt Klarheit zu verschaffen. Nikodemus ist ein kluger Mann und keineswegs feindselig gegenüber Jesus, auch wenn er die eigentliche Dimension christlicher Existenz noch nicht versteht. Wir können ihn also als Suchenden bezeichnen und von ihm lernen, für das Wort Gottes offen zu sein.
„„Gott hat die Welt so sehr geliebt…““
Um den Gesamtzusammenhang des heutigen Evangelium besser zu verstehen, lesen wir die beiden vorangehenden Verse einfach mit: Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. Dann folgt eigentlich in Vers 16 der Anschluss: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab…
Nach Benedikt XVI. ist „das eine der zentralen Aussagen des Evangeliums. Das Subjekt, so sagt er, ist Gottvater, Ursprung des gesamten Schöpfungs- und Erlösungsgeheimnisses. Die Verben ,lieben' und ,hingeben' verweisen auf eine entscheidende und endgültige Tat, die Ausdruck der Radikalität ist, mit der Gott sich dem Menschen in der Liebe genähert hat, bis hin zur vollkommenen Hingabe, zur Überschreitung der Schwelle unserer letzten Einsamkeit, indem er in den Abgrund unserer äußersten Verlassenheit hinabsteigt und das Tor des Todes durchschreitet. Das Objekt und der Empfänger der göttlichen Liebe ist die Welt, das heißt die Menschheit.”
Schlüsselwort: Welt
Auch wenn das Leitmotiv des gesamten Johannesevangeliums die Liebe ist, so möchte ich heute noch auf zwei weitere Schlüsselwörter eingehen: eines davon ist das Wort „Welt“; wir haben es eben gehört. Es kommt ganze viermal in diesen beiden Johannesversen vor. Jesus benutzt das Wort „Welt“ auf verschiedene Weise. Grundsätzlich unterscheiden wir drei Bedeutungen: Zunächst bedeutet es die Ordnung oder das System, nach dem sich alle menschlichen Angelegenheiten auf der Erde regeln. Jesus meint damit den Teil der Menschheit, die ohne Gott oder in einer von Sünde geprägten Ordnung lebt. Das ist die Welt, auf die er im Kap. 14 von Johannes hinweist: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.” (Joh 14,27) Es ist also die Welt voller Angst, Sünde und Vergänglichkeit, die Jesus jedoch überwunden hat.
„Und nun verherrliche mich du, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war“
Eine weitere Bedeutung von „Welt“ ist die Erde, also die Schöpfung selbst; wiederum bei Johannes lesen wir: „Und nun verherrliche mich du, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“ Damit meint der Herr die Welt noch vor ihrer Schöpfung. Erst später, also nach dem Sündenfall, wird sie der Schauplatz, auf dem die Weltordnung, von der wir eben gesprochen haben, ihre negativen Wirkungen entfaltet.
Und schließlich werden die Menschen, die zwar dieser Weltordnung unterliegen, aber eben Suchende sind – so wie Nikodemus - ebenfalls „Welt“ genannt, das ist die dritte Bedeutung des Wortes, und das ist auch die Bedeutung, auf die sich das heutige Evangelium bezieht: eben die „Welt“, die Gott so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn dafür hingegeben hat; die „Welt“, die Menschheit, die er nicht richten will, sondern die, die durch Jesus Christus gerettet werden soll. Und zu dieser Welt gehören auch wir, also du und ich.
„Nichts, aber auch gar nichts, bringt Gott von seiner Liebe zu dieser Welt und ihrer Rettung ab“
Nichts, aber auch gar nichts, bringt Gott von seiner Liebe zu dieser Welt und ihrer Rettung ab, nicht einmal der Tod seines Sohnes am Kreuz. Wer sich auf Gott und sein Wirken in der Welt einlässt und sich für Gottes Wort öffnet, also glaubt, erfährt, was das bedeutet. Der Satz „damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat" formuliert klar und deutlich das Ziel der Liebe Gottes.
Und damit wären wir auch beim zweiten Schlüsselwort dieses Evangeliums angelangt: glauben. Auch dieses Wort wird hier viermal verwendet. Oft wird es im Sinne von Für-Wahr-Halten von Glaubensaussagen oder Dogmen verstanden: Ich halte etwas für wahr, z.B. dass Gott dreifaltig ist, aber mein Verstand kann diese „Wahrheit” eigentlich nicht fassen. Sicher kennen Sie die Redewendung „Glauben heißt: Nicht wissen“, so wurde uns als Kinder immer entgegengehalten, wenn wir einen Satz mit den Worten begannen: „Ich glaube…“. Was wir dabei gelernt haben: Wissen ist besser als Glauben. Diese Redewendung entwickelte sich maßgeblich im 18. Jahrhundert, während der Epoche der Aufklärung, als die vernunftbasierte Erkenntnis immer wichtiger wurde. Erinnern wir uns kurz an den ‚Slogan‘ von Emanuel Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Vernunft allein bringt uns nicht weiter
Ja, Vernunft ist wichtig – auch Nikodemus war ein kluger, vernünftiger Mann, deshalb stelle er Jesus auch eine Menge Fragen, aber Vernunft allein bringt uns nicht weiter. Dazu lesen wir den allerersten Satz der Enzyklika Fides et Ratio von Johannes Paul II.:
„Glaube und Vernunft (Fides et Ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich ihn selbst zu erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, dass er Ihn erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen könne."
„Deshalb sollten wir das Wort „glauben” bei Johannes eher mit „vertrauen” übersetzen“
Deshalb sollten wir das Wort „glauben” bei Johannes eher mit „vertrauen” übersetzen. Vertrauen im umfassenden Sinn bedeutet, sich auf die Botschaft der Liebe Gottes einzulassen und entsprechend zu leben und zu handeln, nur so können auch wir den Vers 17 richtig interpretieren: Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Hier entsteht eine interessante Spannung zwischen den Verben ‚richten‘ und ‚retten‘.
Ganz wichtig ist hierbei zu verstehen, dass Gott die Freiheit des Menschen achtet; seine Liebe drängt sich nicht auf, sie kann nur glaubend empfangen werden und von diesem freien Glaubensakt hängt unser Schicksal ab, also das ewige Leben (V. 16): Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet, aber wer nicht glaubt ist schon gerichtet (V. 18) Der Mensch richtet, Gott rettet!
Deshalb ist bei Johannes Glauben oder Nicht-Glauben, also Vertrauen oder Nicht-Vertrauen, so entscheidend.
Glauben heißt, die eigene Bedürftigkeit anzuerkennen und darauf zu vertrauen, dass Gott tut, was der Mensch nicht vermag.
J. Ratzinger: So ist der Glaube das Finden eines Du, das mich trägt
Abschließend lese ich noch ein Zitat aus dem Buch Einführung in das Christentum, geschrieben von Josef Ratzinger als er noch Kardinal war:
„Der christliche Glaube ist mehr als Option für einen geistigen Grund der Welt, seine zentrale Formel lautet nicht: ,Ich glaube etwas‘, sondern ‚Ich glaube an dich‘. […] So ist der Glaube das Finden eines Du, das mich trägt und in aller Unerfülltheit und letzten Unerfüllbarkeit menschlichen Begegnens die Verheißung unzerstörbarer Liebe schenkt, die Ewigkeit nicht nur begehrt, sondern gewährt. Christlicher Glaube lebt davon, dass es nicht bloß objektiven Sinn gibt, sondern dass dieser Sinn mich kennt und liebt und dass ich mich ihm anvertrauen kann.“
„Bitten wir unsere Heilige Mutter Maria, uns dabei zu helfen, uns diesem Glaubensgeheimnis voll Vertrauen zu öffnen.“
Ich hoffe von ganzem Herzen, dass wir alle uns ab und zu etwas Zeit nehmen können, nicht nur um über die Evangelientexte nachzudenken, sondern auch um den reichen Schatz an geisteswissenschaftlicher Literatur, der uns zur Verfügung steht, zu lesen und zu vertiefen.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Dreifaltigkeitsfest und bitten wir unsere Heilige Mutter Maria, uns dabei zu helfen, uns diesem Glaubensgeheimnis voll Vertrauen zu öffnen.
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2026-05/unser-sonntag-mai-gabriele-rohardt-belle-kommentar-evangelium-5.html
Gabriele Rohardt-Bellè, Verona
Joh 3, 16–18
Liebe Hörerinnen und Hörer,
heute ist der erste Sonntag nach Pfingsten und im geltenden römisch-katholischen Generalkalender heißt dieser Sonntag Sollemnitas Sanctissimae Trinitatis, „Hochfest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit“.
Anders als viele andere Festtage bezieht sich der Dreifaltigkeitssonntag nicht auf ein bestimmtes Ereignis im Leben Jesu, sondern auf ein grundlegendes Glaubensgeheimnis des Christentums: Die Lehre von der Trinität.
Sie ist eines der wichtigsten Dogmen der Kirche – so wichtig, dass ihr sogar dieser eigene Gedenktag gewidmet wird. Dieses Fest, auch Ideenfest genannt, wurde im Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1334, von Papst Johannes XXII. für die Gesamtkirche eingeführt, auch wenn es vielerorts, besonders in französischen Benediktinerklöstern, bereits vorher seit mehreren Jahrhunderten gefeiert wurde.
Übergang in die „grüne Zeit“ – und die Sprache der Liturgie
Dieses Hochfest markiert den Übergang von der österlichen Festzeit, also von Ostern bis Pfingsten, in die normale Zeit im Jahreskreis, die sogenannte „grüne“ Zeit. Diese Farbe steht für neues Leben und Hoffnung und steht somit im Einklang mit der herrlichen Frühlingszeit.
Die liturgische Farbe des Dreifaltigkeitssonntags ist allerdings Weiß. Als Farbe des Lichtes, des Friedens, der Freude und der Unschuld symbolisiert sie Reinheit, Glanz und Vollkommenheit, ganz im Sinne von 1 Joh 1,5 („Gott ist Licht" ). Man wird den Priester an diesem Festtag im Gottesdienst also in einem weißen Messgewand am Altar stehen sehen, wenn er den Schlusssegen spricht, der an keinem anderen Tag so passend ist, wie am Dreifaltigkeitssonntag: „Es segne und behüte euch der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist."
Das Bekenntnis, das unser Leben prägt
Ja, eben diese Formel: Im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes – und das dazugehörige Kreuzzeichen kennt wohl jeder Katholik von klein auf und spricht sie intuitiv am Anfang und am Ende eines jeden Gebetes. Unser aller Leben ist vom Bekenntnis zum einen und dreifaltigen Gott geprägt: Anfang und Ende, Taufe und Begräbnis, Aufstehen und Zubettgehen, Morgen- und Abendgebet, Tischsegen und natürlich die Heilige Messe…und so auch im Leben der Kirche, in der gesamten Liturgie; alles Beten und Opfern richtet sich durch Christus im Heiligen Geist an den Vater.
„Gott ist Liebe im inneren Leben einer einzigen Gottheit. Diese Liebe offenbart sich in einer unaussprechlichen Gemeinschaft von drei Personen“
Papst Johannes Paul II. sagte dazu in einer Ansprache:„Gott, der für uns unbegreiflich ist, hat sich selbst nicht nur als der eine Schöpfer und allmächtige Vater geoffenbart, sondern auch als Vater, Sohn und Heiliger Geist. In dieser Offenbarung enthüllt sich uns die Wahrheit über Gott, der die Liebe ist, in ihrer wesentlichen Quelle: Gott ist Liebe im inneren Leben einer einzigen Gottheit. Diese Liebe offenbart sich in einer unaussprechlichen Gemeinschaft von drei Personen.“
Nikodemus – ein Suchender begegnet Jesus
Wenden wir uns jetzt dem heutigen Evangelium zu. Der Johannestext ist zwar kurz, aber von größtem Gewicht. Wir sind am Ende des Gesprächs Jesu mit Nikodemus, der angesehene Schriftgelehrte und Mitglied des Hohen Rats in Jerusalem, der nachts den Herrn aufsucht, um sich über die geistliche Wiedergeburt Klarheit zu verschaffen. Nikodemus ist ein kluger Mann und keineswegs feindselig gegenüber Jesus, auch wenn er die eigentliche Dimension christlicher Existenz noch nicht versteht. Wir können ihn also als Suchenden bezeichnen und von ihm lernen, für das Wort Gottes offen zu sein.
„„Gott hat die Welt so sehr geliebt…““
Um den Gesamtzusammenhang des heutigen Evangelium besser zu verstehen, lesen wir die beiden vorangehenden Verse einfach mit: Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. Dann folgt eigentlich in Vers 16 der Anschluss: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab…
Nach Benedikt XVI. ist „das eine der zentralen Aussagen des Evangeliums. Das Subjekt, so sagt er, ist Gottvater, Ursprung des gesamten Schöpfungs- und Erlösungsgeheimnisses. Die Verben ,lieben' und ,hingeben' verweisen auf eine entscheidende und endgültige Tat, die Ausdruck der Radikalität ist, mit der Gott sich dem Menschen in der Liebe genähert hat, bis hin zur vollkommenen Hingabe, zur Überschreitung der Schwelle unserer letzten Einsamkeit, indem er in den Abgrund unserer äußersten Verlassenheit hinabsteigt und das Tor des Todes durchschreitet. Das Objekt und der Empfänger der göttlichen Liebe ist die Welt, das heißt die Menschheit.”
Schlüsselwort: Welt
Auch wenn das Leitmotiv des gesamten Johannesevangeliums die Liebe ist, so möchte ich heute noch auf zwei weitere Schlüsselwörter eingehen: eines davon ist das Wort „Welt“; wir haben es eben gehört. Es kommt ganze viermal in diesen beiden Johannesversen vor. Jesus benutzt das Wort „Welt“ auf verschiedene Weise. Grundsätzlich unterscheiden wir drei Bedeutungen: Zunächst bedeutet es die Ordnung oder das System, nach dem sich alle menschlichen Angelegenheiten auf der Erde regeln. Jesus meint damit den Teil der Menschheit, die ohne Gott oder in einer von Sünde geprägten Ordnung lebt. Das ist die Welt, auf die er im Kap. 14 von Johannes hinweist: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.” (Joh 14,27) Es ist also die Welt voller Angst, Sünde und Vergänglichkeit, die Jesus jedoch überwunden hat.
„Und nun verherrliche mich du, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war“
Eine weitere Bedeutung von „Welt“ ist die Erde, also die Schöpfung selbst; wiederum bei Johannes lesen wir: „Und nun verherrliche mich du, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“ Damit meint der Herr die Welt noch vor ihrer Schöpfung. Erst später, also nach dem Sündenfall, wird sie der Schauplatz, auf dem die Weltordnung, von der wir eben gesprochen haben, ihre negativen Wirkungen entfaltet.
Und schließlich werden die Menschen, die zwar dieser Weltordnung unterliegen, aber eben Suchende sind – so wie Nikodemus - ebenfalls „Welt“ genannt, das ist die dritte Bedeutung des Wortes, und das ist auch die Bedeutung, auf die sich das heutige Evangelium bezieht: eben die „Welt“, die Gott so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn dafür hingegeben hat; die „Welt“, die Menschheit, die er nicht richten will, sondern die, die durch Jesus Christus gerettet werden soll. Und zu dieser Welt gehören auch wir, also du und ich.
„Nichts, aber auch gar nichts, bringt Gott von seiner Liebe zu dieser Welt und ihrer Rettung ab“
Nichts, aber auch gar nichts, bringt Gott von seiner Liebe zu dieser Welt und ihrer Rettung ab, nicht einmal der Tod seines Sohnes am Kreuz. Wer sich auf Gott und sein Wirken in der Welt einlässt und sich für Gottes Wort öffnet, also glaubt, erfährt, was das bedeutet. Der Satz „damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat" formuliert klar und deutlich das Ziel der Liebe Gottes.
Und damit wären wir auch beim zweiten Schlüsselwort dieses Evangeliums angelangt: glauben. Auch dieses Wort wird hier viermal verwendet. Oft wird es im Sinne von Für-Wahr-Halten von Glaubensaussagen oder Dogmen verstanden: Ich halte etwas für wahr, z.B. dass Gott dreifaltig ist, aber mein Verstand kann diese „Wahrheit” eigentlich nicht fassen. Sicher kennen Sie die Redewendung „Glauben heißt: Nicht wissen“, so wurde uns als Kinder immer entgegengehalten, wenn wir einen Satz mit den Worten begannen: „Ich glaube…“. Was wir dabei gelernt haben: Wissen ist besser als Glauben. Diese Redewendung entwickelte sich maßgeblich im 18. Jahrhundert, während der Epoche der Aufklärung, als die vernunftbasierte Erkenntnis immer wichtiger wurde. Erinnern wir uns kurz an den ‚Slogan‘ von Emanuel Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Vernunft allein bringt uns nicht weiter
Ja, Vernunft ist wichtig – auch Nikodemus war ein kluger, vernünftiger Mann, deshalb stelle er Jesus auch eine Menge Fragen, aber Vernunft allein bringt uns nicht weiter. Dazu lesen wir den allerersten Satz der Enzyklika Fides et Ratio von Johannes Paul II.:
„Glaube und Vernunft (Fides et Ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich ihn selbst zu erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, dass er Ihn erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen könne."
„Deshalb sollten wir das Wort „glauben” bei Johannes eher mit „vertrauen” übersetzen“
Deshalb sollten wir das Wort „glauben” bei Johannes eher mit „vertrauen” übersetzen. Vertrauen im umfassenden Sinn bedeutet, sich auf die Botschaft der Liebe Gottes einzulassen und entsprechend zu leben und zu handeln, nur so können auch wir den Vers 17 richtig interpretieren: Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Hier entsteht eine interessante Spannung zwischen den Verben ‚richten‘ und ‚retten‘.
Ganz wichtig ist hierbei zu verstehen, dass Gott die Freiheit des Menschen achtet; seine Liebe drängt sich nicht auf, sie kann nur glaubend empfangen werden und von diesem freien Glaubensakt hängt unser Schicksal ab, also das ewige Leben (V. 16): Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet, aber wer nicht glaubt ist schon gerichtet (V. 18) Der Mensch richtet, Gott rettet!
Deshalb ist bei Johannes Glauben oder Nicht-Glauben, also Vertrauen oder Nicht-Vertrauen, so entscheidend.
Glauben heißt, die eigene Bedürftigkeit anzuerkennen und darauf zu vertrauen, dass Gott tut, was der Mensch nicht vermag.
J. Ratzinger: So ist der Glaube das Finden eines Du, das mich trägt
Abschließend lese ich noch ein Zitat aus dem Buch Einführung in das Christentum, geschrieben von Josef Ratzinger als er noch Kardinal war:
„Der christliche Glaube ist mehr als Option für einen geistigen Grund der Welt, seine zentrale Formel lautet nicht: ,Ich glaube etwas‘, sondern ‚Ich glaube an dich‘. […] So ist der Glaube das Finden eines Du, das mich trägt und in aller Unerfülltheit und letzten Unerfüllbarkeit menschlichen Begegnens die Verheißung unzerstörbarer Liebe schenkt, die Ewigkeit nicht nur begehrt, sondern gewährt. Christlicher Glaube lebt davon, dass es nicht bloß objektiven Sinn gibt, sondern dass dieser Sinn mich kennt und liebt und dass ich mich ihm anvertrauen kann.“
„Bitten wir unsere Heilige Mutter Maria, uns dabei zu helfen, uns diesem Glaubensgeheimnis voll Vertrauen zu öffnen.“
Ich hoffe von ganzem Herzen, dass wir alle uns ab und zu etwas Zeit nehmen können, nicht nur um über die Evangelientexte nachzudenken, sondern auch um den reichen Schatz an geisteswissenschaftlicher Literatur, der uns zur Verfügung steht, zu lesen und zu vertiefen.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Dreifaltigkeitsfest und bitten wir unsere Heilige Mutter Maria, uns dabei zu helfen, uns diesem Glaubensgeheimnis voll Vertrauen zu öffnen.
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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pieter49 Heute, 08:44
,,Deshalb sollten wir das Wort ,,glauben'' bei Johannes eher mit ,,vertrauen'' übersetzen''

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