Via Crucis: Die Texte zum Kreuzweg auf Deutsch

Via Crucis: Die Texte zum Kreuzweg auf Deutsch
Wir dokumentieren an dieser Stelle die Texte der Meditationen für den traditionellen Kreuzweg am Kolosseum mit dem Papst - in der offiziellen deutschen Übersetzung. In diesem Jahr hat sie der Franziskaner Francesco Patton verfasst.


Auf vatican.va, der Internetseite des Vatikans, finden Sie die offiziellen Texte im Wortlaut und in den jeweiligen Übersetzungen.

KREUZWEG

Kolosseum, 3. April 2026

 

Einleitung

Die Via Dolorosa verläuft durch die Gassen der Altstadt von Jerusalem und lässt uns den Weg Jesu nachgehen: von der Stätte seiner Verurteilung bis zum Ort seiner Kreuzigung und seiner Grablegung, der auch der Ort seiner Auferstehung ist.

Der Weg ist nicht gesäumt von frommen und stillen Menschen. Wie zu Jesu Zeiten befinden wir uns in einer chaotischen, unruhigen und lauten Umgebung, inmitten von Menschen, die den Glauben an ihn teilen, aber auch von anderen, die ihn verspotten und beleidigen. So ist das Alltagsleben.

Der Kreuzweg ist nicht der Weg derer, die in einer steril frommen Welt und in abstrakter Andacht leben. Er wird vielmehr von denen praktiziert, die wissen, dass Glaube, Hoffnung und Liebe in der realen Welt konkrete Gestalt annehmen müssen, wo der Gläubige ständig herausgefordert ist und sich fortwährend die Vorgehensweise Jesu zu eigen machen muss.

Der heilige Franz von Assisi, dessen 800. Todestag wir dieses Jahr begehen, beschreibt unser christliches Leben mit den Worten des Apostels Petrus: Er erinnert uns daran, dass wir berufen sind, »den Fußspuren Christi zu folgen, der seinen Verräter Freund genannt und sich freiwillig seinen Kreuzigern überliefert hat« (vgl. NbR XXII, 2; vgl. 1 Pt 2,21). Der Poverello ermutigt uns, unseren Blick auf Jesus zu richten: »Geben wir Acht, wir Brüder alle, auf den guten Hirten, der, um seine Schafe zu retten, die Marter des Kreuzes erlitten hat« (Erm VI).

Lasst uns daher auf diesem Kreuzweg die Einladung des heiligen Franziskus annehmen und den Spuren Jesu zu folgen, und zwar nicht nur rituell oder intellektuell, sondern mit unserem ganzen Wesen und unserem ganzen Leben: »Bringt euch selber leibhaftig dar und tragt sein heiliges Kreuz und folgt bis zum Ende seinen heiligsten Geboten« (Off XV 13).

 

1. Station

Jesus wird zum Tode verurteilt

 

Aus dem Evangelium nach Johannes (19,9-11)

[Pilatus] ging wieder in das Prätorium hinein und fragte Jesus: Woher bist du? Jesus aber gab ihm keine Antwort. Da sagte Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete ihm: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre; darum hat auch der eine größere Sünde, der mich dir ausgeliefert hat.

 

Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (2Gl 28-29)

Die aber die Vollmacht erhalten haben, andere zu richten, sollen das Richteramt mit Erbarmen ausüben, wie sie selbst vom Herrn Erbarmen zu erhalten wünschen. Denn ein Gericht ohne Erbarmen wird über jene ergehen, die kein Erbarmen geübt haben.

 

In deinem Gespräch mit Pilatus, Jesus, entlarvst du jede menschliche Anmaßung. Auch heute gibt es Menschen, die glauben, absolute Macht zu haben, und meinen, diese nach Belieben gebrauchen und missbrauchen zu können. Deine Worte an den römischen Statthalter lassen keinen Raum für Zweideutigkeit: »Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre« (Joh 19,11).

Franz von Assisi, der einfach versucht hat, deinen Spuren zu folgen, erinnert uns daran, dass jede Obrigkeit vor Gott über die Art und Weise, wie sie die ihr übertragene Macht ausübt, Rechenschaft ablegen muss: die Macht zu richten, aber auch die Macht, einen Krieg zu beginnen oder zu beenden; die Macht, zur Gewalt oder zum Frieden zu erziehen; die Macht, das Verlangen nach Rache oder nach Versöhnung zu nähren; die Macht, die Wirtschaft zu nutzen, um Völker zu unterdrücken oder sie aus dem Elend zu befreien; die Macht, die Menschenwürde mit Füßen zu treten oder sie zu schützen; die Macht, das Leben zu fördern und zu verteidigen oder es abzulehnen und zu ersticken.

Auch ein jeder von uns ist aufgerufen, Rechenschaft über die Macht abzulegen, die er im Alltag ausübt. Du, Jesus, sagst zu jedem: Nutze die dir gegebene Macht gut und bedenke, dass du alles, was du einem Menschen antust, besonders wenn er klein und schwach ist, mir antust. Und mir wirst du eines Tages Rechenschaft dafür ablegen müssen.

 

Lasst uns beten: Erinnere mich, Jesus.

Dass du dich in jedem verurteilten Menschen wiedererkennst: Erinnere mich, Jesus.

Dass ich mich nicht von Vorurteilen leiten lassen darf: Erinnere mich, Jesus.

Dass die wahre Kraft die Kraft der Liebe ist: Erinnere mich, Jesus.

Dass Erbarmen über das Gericht triumphiert: Erinnere mich, Jesus.

Dass man sich für das Gute entscheiden muss, auch wenn es kostet: Erinnere mich, Jesus.

 

2. Station

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

 

Aus dem Evangelium nach Johannes (19,14-17)

Es war Rüsttag des Paschafestes, ungefähr die sechste Stunde. Pilatus sagte zu den Juden: Seht, euer König! Sie aber schrien: Hinweg, hinweg, kreuzige ihn! Pilatus sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohepriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. Da lieferte er ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde. Sie übernahmen Jesus. Und er selbst trug das Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota heißt.

 

Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Erm V, 7-8)

Auch wenn du schöner und reicher wärest als alle und sogar Wunderwerke vollbrächtest, so dass du böse Geister vertriebest, dies alles ist nicht deinem Wesen entsprechend, und nichts gehört zu dir, und du kannst dich dessen in keiner Weise rühmen. Aber in dem Folgenden können wir uns rühmen: in unseren Schwachheiten, und indem wir täglich das heilige Kreuz unseres Herrn Jesus Christus tragen.

 

Das Wort „Kreuz” löst in uns eher Ablehnung als Verlangen aus. Wir geraten wohl eher in die Versuchung es zu meiden, als dass wir den Wunsch verspüren, es anzunehmen.

Jesus, ich bin gewiss, dass es auch so war, als man dir das Kreuz auf die Schultern legte. Denn in Getsemani hast du den Vater gebeten, diesen Kelch von dir zu nehmen, auch wenn du von ganzem Herzen seinen Willen erfüllen wolltest. Das Kreuz war die schrecklichste und schmerzhafteste Strafe, die Sklaven, unverbesserlichen Verbrechern und den von Gott Verfluchten vorbehalten war.

Und doch hast du es umarmt und auf deine Schultern genommen, und dann hast du dich von ihm tragen lassen. Nicht weil es schön oder begehrenswert gewesen wäre, sondern aus Liebe zu uns. Als du seine schwere Last auf dich genommen hast, wusstest du, dass du uns von der Last des Bösen befreist, das uns erdrückt, und dass du die Sünde auf dich nimmst, die unser Leben zerstört. Indem du das Kreuz umarmt und auf deine Schultern genommen hast, hast du unsere Schwachheit umarmt und die Last unseres Menschseins auf dich genommen. Du hast unsere Knechtschaft, unsere Verbrechen und auch unsere Verdammnis auf dich genommen.

Jesus, befreie uns, von der Angst vor dem Kreuz. Gib uns die Gnade, dir auf deinem Weg zu folgen und keinen anderen Ruhm zu haben als den deines Kreuzes.

 

Lasst uns beten: Herr, befreie uns.


Vom Verlangen nach menschlichem Ruhm: Herr, befreie uns.

Von der Versuchung, die Leidenden zu ignorieren: Herr, befreie uns.

Von der Sorge nur um uns selbst: Herr, befreie uns.

Von der Angst, uns in der Treue zu engagieren: Herr, befreie uns.

Von der Furcht und Ablehnung des Kreuzes: Herr, befreie uns.

 

3. Station

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

 

Aus dem Evangelium nach Johannes (12,24-25)

Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.

 

Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Erm XXII, 3)

Selig der Knecht, der nicht schnell bei der Hand ist, sich zu entschuldigen, und für ein Vergehen, an dem er keine Schuld hat, demütig Schmach und Tadel erträgt.

 

Dein Leben, Jesus, war ein ständiges Sich-Erniedrigen und Hinabsteigen. Obwohl du Gott bist, hast du dich entäußert, um Mensch zu werden. Du warst reich und bist arm geworden. Und am Ende deiner Sendung, als du die Last der gesamten Menschheit auf deinen Schultern trugst, bist du auf die harten Steine der Via Dolorosa gefallen, des Weges, den die zum Tode Verurteilten vor den Augen der Menschen von Jerusalem zurücklegten, die wie zu einem Spektakel herbeieilten.

Es ist die Vorwegnahme eines noch tieferen Abstiegs: des Abstiegs in das Reich der Unterwelt, des Hinabstürzens in das Geheimnis des Todes, in das wir alle am Ende dieses irdischen Lebens fallen. Du jedoch fällst wie das Weizenkorns in die Erde, das bereit ist zu sterben, um Frucht zu bringen.

Hilf auch uns, uns dafür zu entscheiden, unten zu bleiben, zu Füßen der anderen, statt zu versuchen, oben zu stehen und sie zu beherrschen. Hilf uns, den Weg der Demut auch aus der Erfahrung unseres Hinfallens und unserer Demütigungen zu lernen und die Beleidigungen und erlittenen Ungerechtigkeiten in Frieden zu ertragen.....
https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2026-04/via-crucis-vatikan-kolosseum-papst-leo-xiv-meditationen-patton.html

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