Seit 60 Jahren ist der Heilige Stuhl Beobachter bei der UNO
21.03.2024 15:05
Seit 60 Jahren ist der Heilige Stuhl Beobachter bei der UNO
21.03.2024 15:05
Seit 60 Jahren ist der Heilige Stuhl Beobachter bei der UNO
VATIKANSTADT/NEW YORK ‐ Als Ständiger Beobachter darf der Vatikan an Sitzungen der Vereinten Nationen teilnehmen, muss aber nicht über Blauhelm-Einsätze mit abstimmen. Das Verhältnis zu den UN ist allerdings nicht immer konfliktfrei.
"Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!" Die erste Ansprache eines Papstes vor der UNO-Vollversammlung könnte aktueller kaum sein. Vor 60 Jahren erlangte der Vatikan Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen. Einige Zeit später wandte sich Paul VI. (1963-1978) im UNO-Hauptquartier in New York mit seinem Friedensappell an die Mitgliedsländer und die Weltöffentlichkeit.
Der Beobachterstatus, den der Heilige Stuhl am 21. März 1964 beantragte, ermöglicht es ihm, eine ständige Beobachtermission beim UN-Hauptquartier und den Unterorganisationen zu unterhalten. Er hat Zugriff auf Dokumente und darf an den meisten Sitzungen teilnehmen. So kann er – auch im Hintergrund – diplomatisch auf UN-Mitglieder einwirken. Der Beobachterstatus erspart es dem Vatikan unter anderem, über bewaffnete Blauhelm-Missionen zur Friedenssicherung mitzuentscheiden. Die Lateranverträge von 1929 erlegen ihm ohnehin weitgehende Neutralität auf. Aktuelle Kriege, etwa in der Ukraine, zeigen, dass der Heilige Stuhl diese neutrale Position auch deshalb einnimmt, um sich als Friedensvermittler im Gespräch zu halten.
Bereits unter Pius XII. Beobachterstatus bei UN-Unterorganisationen
Dass er den Beobachterstatus anstrebte und damit die Legitimität der UN anerkannte, war keineswegs selbstverständlich. In den Nachkriegsjahren – der Gründungszeit der Vereinten Nationen – führte mit Pius XII. (1939-1958) ein Mann die katholische Kirche, der feindselig auf eines der Gründungsmitglieder blickte: die Sowjetunion. Ferner bestand der Vatikan damals noch auf einer Sonderstellung der katholischen Kirche unter den Weltreligionen; Menschenrechte und Religionsfreiheit waren für ihn noch Fremdworte. Dennoch hatte der Heilige Stuhl bereits unter Pius XII. einen Beobachterstatus bei einigen UN-Unterorganisationen, so bei der Welternährungsorganisation FAO und der Unesco. Die Lage änderte sich unter Johannes XXIII. (1958-1963), als der Vatikan erste Kontakte in den Ostblock aufnahm.
Bedeutende Kirchenreformen brachte das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965), auch bei der Akzeptanz anderer Religionen. Ein Anliegen von Konzilspapst Paul VI. (1963-1978) war es, "dem Heiligen Stuhl in der Staatengemeinschaft eine vernehmbare Stimme zu geben, und zwar nicht bloß als Staat unter anderen Staaten, sondern auch als eine humanitäre Größe jenseits nationaler Kategorien", wie der Kirchenhistoriker Jörg Ernesti festhält.
Unter dem erfahrenen Diplomaten Paul VI. ersuchte der Vatikan am 21. März 1964 offiziell um den Status eines Ständigen Beobachters – mit Erfolg. Als der Papst am 4. Oktober 1965 in New York vor die Staats- und Regierungsspitzen der Welt trat, präsentierte er sich weniger als weltlicher denn als religiös-moralischer Führer. Er stehe an der Spitze eines sehr kleinen Staates, sagte er. Und doch sei er das Oberhaupt von Abermillionen von Katholiken weltweit. Und: "Wir sind Träger einer Botschaft für die ganze Menschheit, und wir sind es nicht nur in unserem eigenen Namen oder in dem der katholischen Kirche." Die Kirche sei "Expertin für alles Menschliche".
Kritik an Beobachterstatus
Die päpstlichen Aussagen können so gedeutet werden, dass über den Heiligen Stuhl quasi die gesamte katholische Kirche bei den Vereinten Nationen vertreten ist. Damit ist sie die einzige religiöse Gemeinschaft, die über einen derartigen Status verfügt. Zwar hat auch die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIZ) einen Beobachterstatus inne – allerdings nur als Organisation und nicht als Völkerrechtssubjekt. Kritik an der einmaligen Konstruktion gab es in den 1990er Jahren. Damals forderten einige Nichtregierungsorganisationen, dem Heiligen Stuhl seinen Beobachterstatus abzuerkennen, weil er nicht für Bürger, sondern für eine Religionsgemeinschaft spreche. Die Initiative blieb ohne Erfolg, die UN bestätigten den Beobachter-Status.
Immer wieder gerät der Vatikan mit UN-Einrichtungen aneinander, vor allem wenn es um Geburtenpolitik und Abtreibung geht. Auch das Thema Kindesmissbrauch ist ein heißes Eisen. Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes kritisierte 2014 die schleppende Aufarbeitung von Missbrauch durch den Vatikan. Der wies den Bericht als Einmischung zurück.
Als Paul VI. 1965 der UNO-Vollversammlung die Worte "Nie wieder Krieg!" zurief, lebte die Welt im Kalten Krieg. In Deutschland starben Menschen an Mauer und Stacheldraht, die Angst vor einem Atomkrieg ging um. In dieser Stimmung trat der Papst vor die Regierenden der Welt und sagte Worte, die noch heute gelten: "Es ist der Friede, der Friede, der das Geschick der Völker und der ganzen Menschheit leiten muss".
Von Anita Hirschbeck (KNA)
"Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!" Die erste Ansprache eines Papstes vor der UNO-Vollversammlung könnte aktueller kaum sein. Vor 60 Jahren erlangte der Vatikan Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen. Einige Zeit später wandte sich Paul VI. (1963-1978) im UNO-Hauptquartier in New York mit seinem Friedensappell an die Mitgliedsländer und die Weltöffentlichkeit.
Der Beobachterstatus, den der Heilige Stuhl am 21. März 1964 beantragte, ermöglicht es ihm, eine ständige Beobachtermission beim UN-Hauptquartier und den Unterorganisationen zu unterhalten. Er hat Zugriff auf Dokumente und darf an den meisten Sitzungen teilnehmen. So kann er – auch im Hintergrund – diplomatisch auf UN-Mitglieder einwirken. Der Beobachterstatus erspart es dem Vatikan unter anderem, über bewaffnete Blauhelm-Missionen zur Friedenssicherung mitzuentscheiden. Die Lateranverträge von 1929 erlegen ihm ohnehin weitgehende Neutralität auf. Aktuelle Kriege, etwa in der Ukraine, zeigen, dass der Heilige Stuhl diese neutrale Position auch deshalb einnimmt, um sich als Friedensvermittler im Gespräch zu halten.
Bereits unter Pius XII. Beobachterstatus bei UN-Unterorganisationen
Dass er den Beobachterstatus anstrebte und damit die Legitimität der UN anerkannte, war keineswegs selbstverständlich. In den Nachkriegsjahren – der Gründungszeit der Vereinten Nationen – führte mit Pius XII. (1939-1958) ein Mann die katholische Kirche, der feindselig auf eines der Gründungsmitglieder blickte: die Sowjetunion. Ferner bestand der Vatikan damals noch auf einer Sonderstellung der katholischen Kirche unter den Weltreligionen; Menschenrechte und Religionsfreiheit waren für ihn noch Fremdworte. Dennoch hatte der Heilige Stuhl bereits unter Pius XII. einen Beobachterstatus bei einigen UN-Unterorganisationen, so bei der Welternährungsorganisation FAO und der Unesco. Die Lage änderte sich unter Johannes XXIII. (1958-1963), als der Vatikan erste Kontakte in den Ostblock aufnahm.
Bedeutende Kirchenreformen brachte das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965), auch bei der Akzeptanz anderer Religionen. Ein Anliegen von Konzilspapst Paul VI. (1963-1978) war es, "dem Heiligen Stuhl in der Staatengemeinschaft eine vernehmbare Stimme zu geben, und zwar nicht bloß als Staat unter anderen Staaten, sondern auch als eine humanitäre Größe jenseits nationaler Kategorien", wie der Kirchenhistoriker Jörg Ernesti festhält.
Unter dem erfahrenen Diplomaten Paul VI. ersuchte der Vatikan am 21. März 1964 offiziell um den Status eines Ständigen Beobachters – mit Erfolg. Als der Papst am 4. Oktober 1965 in New York vor die Staats- und Regierungsspitzen der Welt trat, präsentierte er sich weniger als weltlicher denn als religiös-moralischer Führer. Er stehe an der Spitze eines sehr kleinen Staates, sagte er. Und doch sei er das Oberhaupt von Abermillionen von Katholiken weltweit. Und: "Wir sind Träger einer Botschaft für die ganze Menschheit, und wir sind es nicht nur in unserem eigenen Namen oder in dem der katholischen Kirche." Die Kirche sei "Expertin für alles Menschliche".
Kritik an Beobachterstatus
Die päpstlichen Aussagen können so gedeutet werden, dass über den Heiligen Stuhl quasi die gesamte katholische Kirche bei den Vereinten Nationen vertreten ist. Damit ist sie die einzige religiöse Gemeinschaft, die über einen derartigen Status verfügt. Zwar hat auch die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIZ) einen Beobachterstatus inne – allerdings nur als Organisation und nicht als Völkerrechtssubjekt. Kritik an der einmaligen Konstruktion gab es in den 1990er Jahren. Damals forderten einige Nichtregierungsorganisationen, dem Heiligen Stuhl seinen Beobachterstatus abzuerkennen, weil er nicht für Bürger, sondern für eine Religionsgemeinschaft spreche. Die Initiative blieb ohne Erfolg, die UN bestätigten den Beobachter-Status.
Immer wieder gerät der Vatikan mit UN-Einrichtungen aneinander, vor allem wenn es um Geburtenpolitik und Abtreibung geht. Auch das Thema Kindesmissbrauch ist ein heißes Eisen. Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes kritisierte 2014 die schleppende Aufarbeitung von Missbrauch durch den Vatikan. Der wies den Bericht als Einmischung zurück.
Als Paul VI. 1965 der UNO-Vollversammlung die Worte "Nie wieder Krieg!" zurief, lebte die Welt im Kalten Krieg. In Deutschland starben Menschen an Mauer und Stacheldraht, die Angst vor einem Atomkrieg ging um. In dieser Stimmung trat der Papst vor die Regierenden der Welt und sagte Worte, die noch heute gelten: "Es ist der Friede, der Friede, der das Geschick der Völker und der ganzen Menschheit leiten muss".
Von Anita Hirschbeck (KNA)

Jetzt
Am dritten Jahrestag des Beginns der russischen Invasion hat der Heilige Stuhl alle beteiligten Parteien dringend dazu aufgerufen, den Konflikt zu beenden, der in drei Jahren immenses Leid über die Ukraine gebracht hat.
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Polen: Gallagher erläutert die „Diplomatie des Heiligen Stuhls“
12/11/2024
Erzbischof Paul Richard Gallagher, vatikanischer Sekretär für internationale Beziehungen und Organisationen, übermittelte die Botschaft und Sorge des Heiligen Stuhls bei der 1509. Sitzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien. In einer Videobotschaft prangerte der Erzbischof die „tragischen humanitären Folgen“ dieser drei Jahre des Konflikts an, die neben Toten und Verletzten „erhebliche Schäden an kritischer Infrastruktur und Umweltzerstörung“ verursacht haben und die Krise weiter verschärfen.
Gallagher bekräftigte das Engagement des Heiligen Stuhls, die Rückführung von Kindern zu erleichtern, und forderte zugleich die Freilassung von Gefangenen, insbesondere schwer verletzter Soldaten und Zivilisten. „Krieg ist eine immense Tragödie. Es ist die Verneinung der Menschlichkeit“, sagte er im Video und wiederholte die Worte, die Papst Franziskus oft ausgesprochen hat: „Vergessen wir nicht: Krieg ist immer eine Niederlage, immer“.
Gerechte und dauerhafte Lösung
In diesem Sinne ruft der Heilige Stuhl die OSZE als „Schlüsseleinstitution bei der Verfolgung einer gerechten und dauerhaften Lösung, basierend auf internationalem Recht und unter Einbeziehung aller Konfliktparteien“, auf. „Die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Friedens, der Sicherheit und harmonischer Beziehungen zwischen den teilnehmenden Staaten muss eine vorrangige Aufgabe“ der Organisation bleiben, die, so der Erzbischof, ein „Versagen“ gezeigt hat, „zuerst beim Verhindern des Ausbruchs des Krieges und dann beim Ermöglichen einer diplomatischen Lösung des Konflikts in der Ukraine“. Dieses Versagen, so der Erzbischof, „spiegelt teilweise den unzureichenden politischen Willen der teilnehmenden Staaten wider“. Es sei jedoch „nie zu spät, die Relevanz der Organisation als wirklich effektives multilaterales Forum für einen offenen und ehrlichen Dialog wiederherzustellen, was die Grundlage für einen praktikablen Weg zum Frieden darstellt“, so Gallagher.
Wie in seinem Vortrag in Malta beim 31. Ministerrat der OSZE, in dem er die Mitglieder zu Dialog und Überwindung von Spaltungen aufrief, erinnerte Gallagher an den 50. Jahrestag des Schlussakts von Helsinki. Dieses Abkommen, das im Sommer 1975 von 35 Staaten unterzeichnet wurde, bremste den Kalten Krieg. Aus dem Geist dieser Einigung ging die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa hervor. Und es ist dieser „Geist von Helsinki“, den die teilnehmenden Staaten in dieser dramatischen Epoche der Menschheit wiederbeleben müssen.
Förderung freundschaftlicher Beziehungen
„Der Schlussakt von Helsinki verkörpert eine von allen teilnehmenden Staaten geteilte Idee, wonach Frieden nicht einfach die Abwesenheit von Krieg oder die Aufrechterhaltung eines Machtgleichgewichts ist, sondern das Ergebnis der Förderung freundschaftlicher Beziehungen, des Engagements in respektvollem und konstruktivem Dialog und der Förderung der Zusammenarbeit“, sagte der Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten. „Diese Prinzipien, basierend auf internationalem Recht und dem universellen Schutz der Menschenrechte, sind heute ebenso relevant wie vor fünf Jahrzehnten.“
Abschließend wiederholte der Erzbischof den Appell von Papst Franziskus für die „gepeinigte Ukraine“ in der Urbi et Orbi-Botschaft vom 24. Dezember 2024: „Möge das Geräusch der Waffen im vom Krieg verwüsteten Ukraine verstummen! Möge es den nötigen Mut geben, die Tür zu Verhandlungen und Gesten des Dialogs und der Begegnung zu öffnen, um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu erreichen.“
(vatican news)
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