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Gian Luigi Pascale – unbeugsam und verbrannt...

Gian Luigi Pascale – unbeugsam und verbrannt...
Warnhinweis: Nix für Kurzstreckenleser ...eher für Langstreckendenker🙂...

Ketzertum als Gradmesser für den Hochstand oder vielmehr Tiefstand der Kirchen...nicht nur der Kirchen...

Gian Luigi Pascale...* um 1525

Heute ist sein Gedenktag....auch wenn dieser nicht mit seinem tatsächlichen Todestag übereinstimmt....nach neuer Quellenlage wurde Pascale am 16. September 1560 in Rom hingerichtet und verbrannt...

Was bedeutet es eigentlich, wenn eine Kirche einen Menschen zum Ketzer erklärt...

Was sagt das über den Menschen aus …

Was sagt es über die Menschen aus, die ihn verurteilt haben...

Wie geht eine Kirche mit Menschen um, die anders glauben, anders denken und ihrem Gewissen folgen...

Für viele ist sein Name und der Mensch unbekannt oder nur eine Randnotiz in der Geschichte....

Gian Luigi Pascale war eigentlich Soldat...während seiner  Militärzeit in Nizza kam er mit reformatorischen Gedanken in Berührung...
Er lies das Soldatenleben hinter sich und  ging nach Genf...ein Zentrum der  Reformation...

Sein Leben hatte eine andere Wendung genommen...

Pascale  beschäftigte sich intensiv mit der  Schrift und arbeitete an einer italienischen Übersetzung des NT.... Sein Ansinnen war, dass das Evangelium nicht nur verkündet und richtig vermittelt werden soll, sondern auch verständlich sein  soll ... auch für einfache Menschen....

Er studierte in Lausanne bei Pierre Viret und Théodore de Bèze...dort begegnete er Camilla Guarino...die Frau, die er liebte...mit der er sein Leben verbringen wollte...kam ja anders..sie stand bis zum Ende an seiner Seite....

Zunächst wurde Pascale von der italienischen reformierten Kirche in Genf nach Kalabrien geschickt...

Zu Waldensergemeinden...sie hatten Jahrhunderte der  Verfolgung erlebt und ihren Glauben dennoch bewahrt...im 16. Jahrhundert dann Nähe zur Reformation...

Pascale predigte dort...öffentlich und mutig...
Die Waldenser hatten ihren Glauben teilweise im Verborgenen gelebt....nun wurden sie  sichtbarer...

Und auch Pascale wurde sichtbar...

Seine öffentliche Predigt sorgte für Unruhe.... bei den saturierten Gemeindemitgliedern machte sich deshalb  eine gewisse  Nervosität breit .... Pascale schwieg  nicht...dies hatte Konsequenzen...

1559 wurde er verhaftet..seine Gefangenschaft führte von Fuscaldo, Cosenza, Neapel und letztlich nach Rom...

Verhöre  ohne Ende...immer wieder der Versuch, ihn zum Widerruf zu bewegen....die Haftbedingungen wurden schärfer....auch seine Lage verschärfte sich...

Und dann begegnet man der Sprache seiner Gegner....

"sedotto quelle povere genti"...diese armen Leute verführt...
Man hatte bemerkt, dass Menschen seit Pascale nicht mehr zur Messe gegangen waren...

Pascale war damit aus Sicht seiner Ankläger nicht einfach ein Mann mit einer anderen theologischen Überzeugung...

Er ist die Person, die Menschen verführte....

Jemand, der sie von der bisherigen Kirche wegführte....

Jemand, der gefährlich ist...

Die  Sprache der Ankläger und Verhörer wurde  härter...

"ogni sua risposta è sufficiente a farlo ardere tre volte" .

Jede seiner Antworten reicht aus, ihn dreimal brennen zu lassen...

Pasquali widerrief nicht...er war nun :

Der "Ketzer"...persona non grata...

Damit bin ich bei meinen anfänglichen Gedanken...

Ketzertum als Gradmesser für den Hochstand oder vielmehr Tiefstand ....

Pascale war nun ein verdammungswürdiger  "Ketzer"...

Zumindest aus der Sicht derer, die über ihn Gericht hielten....

Nach hist. röm. Gerichtsakten wurde er als "luterano perfido" tituliert..."heimtückischer/ gottloser Lutheraner", der nie zur Messe gehen wollte....

Vielleicht zeigt seine Lebensgeschichte, wie vorsichtig man Verurteilungen sein sollte...

Ein "Ketzer" kann aus Sicht der Mächtigen ein Feind sein …
Aus der anderen Perspektive ein Mensch, der seinem Gewissen treu ist...

Pascale wurde nicht nur eingesperrt und verhört … er wurde als Verführer und Ketzer stigmatisiert...

Sein Glaube wurde öffentlich zum Problem erklärt... Damit wurde aus einem Andersdenkenden ein Feind...der zu bekämpfen ist...
Und dann ist da Camilla....die Frau, die zu ihm stand...einige Briefe  sind erhalten geblieben...er schrieb:
"io vi amai a cagione delle virtù cristiane che io conobbi in voi..."
Ich liebte euch wegen der christlichen Tugenden, die ich in euch erkannte...

Neben Haft, Verfolgung, Willenstärke und Glaubenskampf steht man vor Liebe, Nähe und Abschied in seinen Briefen...

Der  Ungewissheit, ob man sich jemals wiedersehen wird....

Pascale schrieb aus der  Haft  weiter an Freunde, an Gemeinden und seinen Bruder....

Seine Briefe sind etwas Besonderes, weil seine Stimme darin weiterlebt... er wollte, dass seine Briefe abgeschrieben und verbreitet werden.... als Zeugnis seines Martyriums und zur Ermutigung von Verfolgten....während seiner Gefangenschaft  wurde Pascale  einer breiteren Öffentlichkeit bekannt....

Seine Sprache ist kämpferisch, überzeugt und vom Glauben getragen...
"piuttosto morire che abbandonare così santa impresa"
… lieber sterben, als ein solches heiliges Werk aufzugeben...
"la nostra morte non sarà neanche sepolta"
Unser Tod wird nicht einmal begraben werden...

Mehr als vier Jahrhunderte später, sind seine Worte noch da...

Im Mai 1560 wurde Pascale schließlich nach Rom überführt...

Weitere Monate in Haft..... Versuche, ihn zum Widerruf zu bewegen, blieben erfolglos....unbeugsam und  standhaft...sein Bruder Bartolomeo versuchte zu vermitteln....vergeblich...der Prozess fand dann im Kloster Santa Maria sopra Minerva statt ...jenem Ort, an dem man über Pascales Glauben zu Gericht saß....bedauerlich nur, dass Minerva, die Göttin der Weisheit, offenbar nicht geladen war😥...

Auch dies ist Geschichte ... Genf zeichnete sich  während  Pascales Prozess durch beherztes Schweigen aus... erst sein Tod machte ihn zum Märtyrer .... seine Stimme in Jean Crespins "Livre des Martyrs" unüberhörbar... dies in späteren und erweiterten Ausgaben...aus Deutschland kam damals übrigens auch nix.... Augsburg hatte schließlich Religionsfrieden....Happy Konfetti🎉....seltsames Klima...vermutlich waren da die Vorboten der Kleinen Eiszeit  unterwegs❄☃...


Am 16. September 1560 wurde Gian Luigi Pascale in Rom öffentlich hingerichtet und verbrannt...

Lt.Quellen:
"Seine Asche wurde nicht gesammelt."

Seine Worte, sein Mut und seine Widerstandskraft konnte man im Tiber nicht versenken...

Welche Bedeutung könnte sein Leben im Jetzt haben? Wirklich nur eine Randnotiz der Geschichte?

Kirche und Politik waren/sind? eng miteinander verbunden …

Wir leben heute sicher in anderen Zeiten und unter anderen Bedingungen....

Dennoch ... seine Geschichte stellt trotzdem eine Frage, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat...

Wie geht man mit Andersdenkenden um ... gerade in stürmischen  Zeiten?

Eine der Fragen, die Gian Luigi Pascale heute noch stellt....

Nicht, weil unsere Zeit dieselbe wäre wie seine.....

Sondern weil die Versuchung, den Andersdenkenden zum Gegner und schließlich zum Feind zu machen, wohl so alt wie die Menschheitsgeschichte ist...

Kommentare

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israelgreece2019 09.09.2026 08:50
Ein sehr informativer Blog und es ist wirklich traurig, dass von Gian Luigi Pascale so gut wie selten etwas pupliziert wurde/wird.
Der Gedanke, welcher mir dabei kam, ist das Verhalten der damaligen, mächtigen Kirche und ihre indirekte Befürchtung ihre Machtposition verlieren zu können.
Typisch auch das Verhalten der "Schweigenden" sowohl aus Genf als auch in Deutschland!!
In diesem Zusammenhang kommt mir Prediger 1,9 in den Sinn "Es gibt nichts neues unter der Sonne"
 
Bambus2026 09.09.2026 13:57
@Sherezade

Bedenken sollte man eben immer dass die Dämonen die Bibel auch kennen und dass Satan nicht selten auch aus der Bibel zitiert um Menschen in falsche Gefilde zu zerren.

Jesus sagte: 

"22 Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wundertaten vollbracht? 
23 Und dann werde ich ihnen bezeugen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, ihr Gesetzlosen[3]!"


Mancher der damals als Ketzer bezeichnet wurde war evtl. einfach wirklich auch ein Ketzer.
Wobei man so jemanden ja nicht unbedingt verbrennen muss. Gefängnis würde evtl. auch ausreichen..
 
Treuka 09.09.2026 14:11
Ja das stimmt, Dämonen und Satan kennen die Schrift, aber verstehen tun sie sie nicht. Wie denn auch ohne den GEIST.

Sonst hätte der Teufel mit Sicherheit nicht geholfen CHRISTUS zu töten. Darüber tobt er bis heute, dass er zur Erlösung des Menschen zum Erfüllungsgehilfen wurde, den er doch zuvor im Garten zu seinem Sündenfall verführt hatte. Er hat also seinen Fehler am Menschen wieder gut machen müssen und all das ganz freiwillig.
 
Sherezade 09.09.2026 14:47
Natürlich können Menschen irren..aber...
Folgt daraus, dass man sie Einsperren, Foltern oder Töten darf? Sagt dies Jesus?
Menschen, die friedlich waren...
Wer bestimmt den Irrtum?
 
Bambus2026 09.09.2026 16:49
@Sherezade

Naja. Was heist schon "friedlich".

Jesus sagte zu einem seiner eigenen Apostel: "Weiche von mir Satan, denn du denkst nach menschlicher und nicht nach göttlicher Weise" oder so.
Dabei war doch der Apostel nur "friedlich" und wollte Jesus retten. Nicht?
 
Sherezade 09.09.2026 18:08
Will jetzt keine Exegese zu Matthäus machen...auch nicht, was dann in Matthäus 16 steht...
Wo steht in den Evangelien, dass man Andersdenkende einsperren darf und soll? Ich finde nichts..auch nicht bei Paulus...ein geistlicher Kampf..auch die Waffen sind geistlich...

Einfach mal innehalten...all das Blut was wir in der Geschichte im Namen Christi vergossen haben...
 
Bambus2026 09.09.2026 19:40
@Sherezade

Die "Herrschaften" waren ja schon immer so.
Darum heist es ja auch in der Bibel dass man es sich mit dem König nicht verscherzen soll damit er einen nicht ins Gefängnis wirft. Irgendwie so.

Und doch nannte man Jesus Christus auch "Den König der Könige".

König David schrieb offenbar die meisten der Psalmen. Und doch hat er wohl auch Menschen ins Gefängnis werfen lassen ect. Ganz ohne Demokratische Abstimmung..
 
Bambus2026 09.09.2026 19:44
@Sherezade

Hier mal zwei Beispiele:

1. Bestrafung von Königsmördern und VerräternDavid legte großen Wert darauf, dass die gesalbten Könige Israels unantastbar blieben. Wer glaubte, sich durch Verrat oder Mord bei ihm einschmeicheln zu können, wurde von David rigoros bestraft: [1] (https://www.bibleserver.com/HFA/2.Samuel4)Der Amalekiter (Sauls Tod): Nach dem Tod von König Saul am Berg Gilboa kam ein junger Amalekiter zu David und behauptete, dem verwundeten Saul auf dessen Wunsch den Gnadenstoß versetzt zu haben. Er brachte David Sauls Krone, in der Hoffnung auf eine Belohnung. David ließ ihn wegen des Mordes am „Gesalbten des Herrn“ hinrichten (2. Samuel 1).

Rechab und Baana (Isch-Boschets Tod): Sauls Sohn Isch-Boschet regierte über einen Teil Israels. Zwei seiner Heerführer ermordeten ihn feige im Schlaf und brachten sein Haupt zu David. David war zutiefst empört über den Mord an einem unschuldigen Mann. Er ließ die beiden Mörder hinrichten, ihnen Hände und Füße abhauen und sie öffentlich aufhängen
 
Sherezade 09.09.2026 19:56
@Bambus,
dem Geschehen ging vorher eine Straftat voraus..Mord ...
 
Sherezade 09.09.2026 20:10
Jesus hat nie zu Einsperren, Foltern und Töten von Andersdenkenden aufgerufen...nie...dies tat auch ein Pascale nicht..
 
Sherezade 10.09.2026 14:27
Ergänzend..

Mit Pascales Tod war die Geschichte nicht zu Ende...

Nur der Auftakt zur Verfolgung der Waldenser in Kalabrien...es ging  erst so richtig los... die römisch-katholische Kirche und die königliche Obrigkeit arbeiteten zusammen... die Inquisition verfolgte die "Ketzer" ... die königliche Obrigkeit und ihre Truppen setzten die Gewalt durch... Menschen wurden ermordet, gefangen genommen oder auf Galeeren verbannt... Eigentum wurde systematisch konfisziert...

Die Grausamkeiten der Aktionen beschreibt ein Augenzeugenbericht...,die Opfer wurden in einem Haus versammelt... dann kam der Henker und holte sie einen nach dem anderen raus... er verband jedem Opfer  die Augen... führte das Opfer raus zu einem großen Platz vor der Kirche... ließ es dort niederknien und schnitt dem Opfer mit einem Messer die Kehle durch...

Anschließend ging der Henker mit der blutigen Augenbinde und dem blutigen Messer zurück ins Haus... um das  nächste Opfer  zu holen... und immer wieder wiederholte sich derselbe Ablauf...

Der königliche Prokurator stand mit einem Stock in der Hand  auf der Kirchentreppe und trieb die Hinrichtungen an... daneben der Inquisitor... die Opfer waren bei den Verhören geschlagen und getreten worden .. ein weiterer  Augenzeugenbericht bekundet,  dass die Anwesenden lachten, wenn die verurteilten Opfer den Namen Jesu Christi anriefen und ihren Geist in Gottes Hände empfahlen...

Die Leichen der Ermordeten wurden anschließend gevierteilt und zur schicken Warnung entlang der Straße von Cosenza nach Morano ausgestellt...


Tragisch auch die Kinderschicksale.. sie wurden ihren Eltern weggenommen und katholischen Familien übereignet.. sie sollten so  Herkunft, ihren Glauben und ihre Familie verlieren und vergessen... die Verfolgung richtete sich also nicht nur gegen die Erwachsenen, sondern auch gegen die Folgegenerationen...

Zudem gab es ein Heiratsverbot... überlebende  Waldenser durften untereinander 25 Jahre lang nicht heiraten...

Das Ziel war die Auslöschung der Waldenser  bzw. eine erneute Unterwerfung unter das damalige römisch-katholische Machtgefüge...
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