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📃 Selbstverurteilung durch ungerechtes Richten

📃 Selbstverurteilung durch ungerechtes Richten
Der Römerbrief gleicht einem großartigen Epos, in dessen Beginn der Verfasser in wenigen Zeilen einen Überblick über das gesamte Thema gibt und es anschließend weiter ausführt.In der die ersten siebzehn Verse des ersten Kapitels umfassenden Anrede und Einleitung, erklärt der Apostel in aller Kürze das gesamte Evangelium. Ausgehend von der Feststellung, dass es "Gottes Kraft zur Errettung ist" [RÖ. 1,16] [SLT], zeigt er im weiteren Verlauf des Kapitels ganz natürlich die Notwendigkeit des Erlösungsplans auf. Dies tut er, indem er die tiefe Finsternis der heidnischen Welt schildert. Dieser Anklage würden die Juden von ganzem Herzen zustimmen und [auch] die Heiden könnten sie nicht widerlegen, da ihre eigenen Schriftsteller sie bestätigten.

Doch während der bekennende Anbeter des wahren Gottes über die schreckliche Bosheit der Heiden nachsinnt, eine Art verächtliches Mitleid für deren Blindheit empfindet und sich wegen seiner Überlegenheit beglückwünscht, werden seine selbstgefälligen Gedanken durch folgende schroffe Anschuldigung des Apostels jäh unterbrochen: "Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der da richtet. Denn worin du einen andern richtest, verdammst du dich selbst; sintemal du eben dasselbe tust, was du richtest. Denn wir wissen, daß Gottes Urteil ist recht über die, so solches tun. Denkst du aber, o Mensch, der du richtest die, die solches tun, und tust auch dasselbe, daß du dem Urteil Gottes entrinnen werdest?4Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet?" [RÖ. 2,1-4]

"Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der da richtet." Was für ein wunderbares Heilmittel gegen Stolz wäre dies, wenn man es sich nur vor Augen hielte! Der Apostel zeigte zuvor – ( Siehe dazu Kapitel 1,19–21) – dass die Heiden keine Entschuldigung vorbringen könnten und nun überträgt er dasselbe auf die gesamte Menschheit. Wenn die Heiden ohne Entschuldigung sind, wie viel weniger ist dann eine Entschuldigung derer akzeptabel, die aufgeklärt genug sind, um über die abscheulichen Praktiken der Götzendiener zu richten? Warum zeigt allein die Tatsache, böse Praktiken der Heiden zu verurteilen, dass man selbst ohne Entschuldigung ist? – Weil man damit ausdrückt, genau zu wissen, solche Dinge nicht zu tun, selbst aber dennoch genau diese Dinge tut. Untersuchen wir einmal, ob dieser letzte Vorwurf berechtigt ist.

Dass alle Menschen der Welt vor GOTT gleichermaßen verdammt sind, fällt vielen schwer zu glauben, weil sie große Unterschiede zwischen den Menschen sehen. Es sollte auch bedacht werden, dass die Aussage nicht behauptet, alle seien gleichermaßen schuldig, sondern dass alle gleichermaßen verdammt sind. Gleichfalls sollte berücksichtigt werden, dass Menschen nur auf das Äußere zu schauen vermögen, während GOTT ins Herz schaut. So heißt es im inspirierten Wort: "Der HERR schaut herab vom Himmel, er sieht alle Menschenkinder; von der Stätte seiner Wohnung schaut er auf alle Bewohner der Erde. Er, der ihnen allen das Herz gebildet hat, er gibt auch acht auf alle ihre Werke." [PS. 33,13-15] [SLT]

Das bedeutet weder, dass die Verantwortlichkeit für all das Böse auf der Erde bei GOTT liegt, noch dass ER die Herzen der Menschen alle gleichermaßen böse erschuf. Es bedeutet jedoch, dass die menschliche Natur überall dieselbe ist. Die natürlichen Beweggründe des Herzens sind in Amerika genau dieselben wie im tiefsten Afrika. Es entspricht [auch] der Wahrheit der Heiligen Schrift, dass "alle Menschen gleich geschaffen sind." [Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776] Die Unterschiede zwischen den Menschen sind ausschließlich auf ihr Umfeld und ihre Erziehung zurückzuführen

Darüber hinaus haben wir das Zeugnis der Heiligen Schrift, dass dieselben Übel allen gemeinsam sind. CHRISTUS sagte: "Von innen aus dem Herzen der Menschen kommen die bösen Gedanken hervor: Unzucht, Dieberei, Mord, Ehebruch, Habsucht, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut, Torheit." [MARK. 7,21-22] [ELB] Vergleicht man diese Liste mit der Aufzählung des Apostels in Römer 1,29–31, so wird deutlich, dass die Laster der Heiden nichts anderes sind als jene, die aus der unerlösten menschlichen Natur entspringen. Vergleiche dazu [bitte] auch, die in Galater 5,19–21 aufgezählten "Werke des Fleisches."

Niemand sollte GOTT die Schuld für das Vorhandensein dieser Übel geben, denn es heißt, dass ER alle "Herzen gleichmaßen bildete." [PS. 33,15] [KJV] "Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht." [PRED. 7,29] [ELB] Der Mensch ist es, der für das Böse verantwortlich ist. GOTT schuf alle Menschen mit der Fähigkeit zum höchst Guten oder auch größtem Übel und der Mensch hat seinen eigenen Weg verdorben. Es ist der Mensch, der sich selbst "Zorn anhäuft auf den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes" [RÖ. 2,5] und an diesem "Tag des Zorns" wird der Sünder nur den Lohn erhalten, den er sich verdient hat. Die Tatsache, dass das Böse vom Menschen und das Gute von GOTT kommt, wird im nächsten Artikel noch deutlicher werden. Ungeachtet des Bösen in der Welt sind Gottes Güte und Gerechtigkeit unanfechtbar.

Das Gesetz Gottes "ist geistlicher Natur" [RÖ. 7,14], es umfasst neben groben Taten kleinste Dinge. "Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch, bis es scheidet sowohl Seele als auch Geist, sowohl Mark als auch Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens." [HEBR. 4,12] [SLT] Daher kann – wie unser HERR in der Bergpredigt zeigte – das Gesetz schon durch einen Gedanken übertreten werden. "Dummheiten ersinnen ist Sünde." [SPR. 24,9] [SLT] So ist der Mensch, der Mord plant oder hasserfüllte, rachsüchtige Gedanken hegt, des Mordes schuldig, genauso sicher wie der Mensch, der seinen Nächsten mit dem Messer des Mörders niedersticht. Und den [wahren] Grad der Schuld kann allein GOTT bestimmen.

Aus dieser Sicht hat wohl kaum jemand Grund, sich zu rühmen. Jeder Mensch ist schuldig, und jedes Mal, wenn ein Mensch irgendein Fehlverhalten eines anderen verurteilt, offenbart er damit die Unentschuldbarkeit seiner eigenen Schuld. Ungläubige – und Menschen, die sich nicht zum Glauben bekennen – finden oft Gefallen daran, auf die Torheiten und Unzulänglichkeiten bekennender Christen hinzuweisen; dabei vergessen sie, dass sie damit ein hartes Urteil über sich selbst fällen, denn sie zeigen, dass sie sehr wohl wissen, was ein Mensch tun sollte, es aber dennoch nicht tun.

In diesem Zusammenhang sollte noch ein weiterer Gesichtspunkt Beachtung finden, welcher in den [folgenden] Worten Christi enthalten ist: "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden." [MATTH. 7,1-2] Dass das Wort "richten" hier im Sinne von "verurteilen" verwendet wird, geht aus der Parallelstelle in Lukas 6,37 hervor. Gottes Wort zeigt damit nicht nur, dass – wie Paulus feststellt– diejenigen,  die andere richten, sich selbst verurteilen, sondern auch, dass jene, die andere nicht verurteilen, auch nicht verurteilt werden. Ein hartes Urteil entspringt immer einem bösen Herzen. Aus den betrachteten Schriftstellen können wir mit Fug und Recht sagen: Wenn ein Mensch über einen anderen richtet, zeugt dies davon, dass er selbst in gewissem Maße derselben Sünde schuldig ist, [denn] der schuldigen Seele gefällt es, die Schuld einer anderen anzuklagen, um die Aufmerksamkeit von ihrer eigenen abzulenken. Das sollten sich Klatschbasen und Skandalreporter merken. Diejenigen, die stets bereit sind, empörte Urteile über das Böse zu fällen, sollten nicht glauben, dass sie dadurch dem gerechten Gericht Gottes entkommen könnten.

Weiter sollten wir auch das [Folgende] aus dem Jakobusbrief berücksichtigen: "Redet nicht schlecht übereinander, Brüder! Wer über einen Bruder schlecht redet oder seinen Bruder richtet, redet schlecht über das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist Gesetzgeber und Richter, der zu retten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest?" [JAK. 4,11-12] [ELB] Dies verdeutlicht auf eindringliche Weise, wie verwerflich es ist, zu urteilen und zu verurteilen. Wer so handelt, nimmt damit die Stelle Gottes – des einzigen Gesetzgebers, DER allein Recht zu richten besitzt – ein. 

In der Verurteilung anderer, maßen wir uns nicht nur die Autorität Gottes an, sondern urteilen auch über das Gesetz und stellen uns damit über GOTT. Wie verurteilen wir das Gesetz? – Auf folgende Weise: Das Gesetz ist der Maßstab für Recht und Unrecht, nur es allein – oder sein Schöpfer – hat das Recht zu verurteilen. Indem wir verurteilen, erheben wir uns selbst zum Maßstab und erklären damit das Gesetz für falsch, denn wenn wir die Verurteilung nicht dem Gesetz überlassen, verkünden wir damit praktisch, dass es nicht vertrauenswürdig ist. Und da wir böse sind und unser Urteil fehlerhaft ist, erfolgt unsere Verurteilung nach einem fehlerhaften Maßstab. Somit sprechen wir in Wirklichkeit grobes Unrecht über das Gesetz, indem wir andeuten, dass es unserem armseligen Urteil unterlegen ist.

 Eine Warnung davor, über unsere Brüder zu urteilen, entsteht auch aus dem Bewusstsein heraus, dass wir damit auf gleicher Linie wie Satan handeln, weil  bezüglich seinem Ausschluß aus dem Himmel [geschrieben steht]: "Hinabgestürzt wurde der Verkläger unserer Brüder, der sie vor unserem Gott verklagte Tag und Nacht." [OFFB. 12,10] [SLT] Es ist wirklich keine Kleinigkeit, andere zu verurteilen, es ist nichts Geringeres, als Anteil am "Geist des Antichristen" [1. JOH. 4,2] zu haben.

Das bedeutet nicht, dass wir – um zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden – unser Urteilsvermögen nicht einsetzen sollten. Das Gesetz Gottes ist uns gegeben, um unseren Verstand gerade diesbezüglich zu schärfen. Aber entscheiden sollten wir diesbezüglich [nur] für uns und nicht für andere. Wir sollten dem Beispiel unseres HERRN folgen, DER – obwohl ER wie kein Mensch zuvor  die Sünde hasste – zu dem Sünder, den ein schuldiger Mensch verurteilen würde, sagen konnte: "Ich verurteile dich nicht." [JOH. 8,11] [ELB] Wer nicht verurteilt, wird auch nicht verurteilt werden, denn nur Seelen, die vom Geist des Meisters erfüllt sind, werden nicht verurteilt wobei diese Menschen zuvor von einem so großem Bewußtsein ihrer eigenen Unwürdigkeit erfüllt waren, dass sie sich selbst für die größten Sünder hielten. Und das ständige Bewusstsein der Barmherzigkeit Gottes – Seiner unverdienten Gnade – ihnen gegenüber beruht auf der Anerkennung ihrer eigenen Fehlbarkeit.

( Ellet J. Waggoner, Juni 1890 )

Kommentare

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JesusComesBackSoon 03.09.2026 18:57
Auch wenn der Inhalt dieses Artikels von Ellet J. Waggoner bereits mehr als 135 Jahren verfasst wurde, hat er deswegen nichts an seiner Bedeutsamkeit für das persönliche, insbesondere auch geistige Leben eines jeden Nachfolgers des Sohnes Gottes verloren.

Für diejenigen, die gerne noch weitere solche (zeitgeistfreien, nah am Wort Gottes ausgerichteten ) Artikel lesen möchten, nachstehend der folgende Link:

https://gerechtigkeit-durch-glauben.de/gesamtuebersicht-artikel/

Mein Wunsch und Gebet ist, dass jeder Leser durch den bzw. die Artikel reichlich gesegnet wird, er Dingen besser verstehen und das Gelesene in seinem Leben Frucht zur Ehre Gottes bringen möge.
Die angegebenen Bibelverse wurden, sofern nicht speziell angegeben, aus LUTHER 1912 entnommen. Die Abkürzungen [KJV] [LUT2017] [ELB] [SLT1951] und [SLT] stehen falls vorhanden für King James Version, Luther 2017, Elberfelder, Schlachter 1951 und Schlachter 2000.
Eckige Klammern im Text - abgesehen von Bibelzitaten - beinhalten Einfügungen von mir, die einer besseren Verständlichkeit nach Übertragung des Artikels ins Deutsche dienen sollen.
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