Schwanger mit 48 – „Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal Mutter werde“
13.11.2025 19:06
Schwanger mit 48 – „Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal Mutter werde“
13.11.2025 19:06
Schwanger mit 48 – „Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal Mutter werde“
Von Anja Francesca Richter
Stand: 12.11.2025Lesedauer: 7 Minuten
Mit fast 50 wird Heidi Gößlinghoff, Gynäkologin mit Schwerpunkt Reproduktionsmedizin, auf natürlichem Wege noch einmal schwanger – „die Überraschung meines Lebens“, sagt sie. Was bedeutet es heute, so spät Mutter zu werden, und welche Risiken bringt das mit sich?
Eine bessere Werbung für ihre Arbeit hätte sich wohl keine PR-Agentur ausdenken können: Mit 48 wird Heidi Gößlinghoff, Gynäkologin mit Schwerpunkt Reproduktionsmedizin, unerwartet schwanger. „Die Überraschung meines Lebens!“, sagt die heute 62-Jährige, die damals bereits einen Sohn und eine Tochter mit ihrem Mann hatte – beide brachte sie ebenfalls vergleichsweise spät zur Welt, mit 38 und 39 Jahren.
Wie bei vielen Frauen stand auch für Gößlinghoff, die schon immer Kinder wollte, zunächst die Karriere im Vordergrund – Medizinstudium, Facharztausbildung, der Aufbau der eigenen Praxis. Dann erkrankte ihr Vater. Das habe ihr die Augen geöffnet, erzählt sie: „Ich wollte immer, dass er seine Enkel noch kennenlernt.“ Heute wisse sie, wie viel Glück sie gehabt habe – dass es so schnell klappte und die Schwangerschaften ohne Komplikationen verliefen. Denn mit zunehmendem Alter steigt das Risiko einer Fehlgeburt deutlich: Bei Frauen zwischen 20 und 29 Jahren liegt es bei etwa zehn bis zwanzig Prozent, über 40 bereits bei 40 bis 50 Prozent, danach sogar bei bis zu 80 Prozent.
Gößlinghoff führt den Glücksfall der problemlosen Schwangerschaft auf ihre lebenslange gesunde Ernährung zurück – eine Einschätzung, die zunächst simpel klingt. Tatsächlich zeigen Studien, dass Ernährung und Lebensstil die Fruchtbarkeit beeinflussen können, der entscheidende Faktor bleibt jedoch das Alter der Eizellen.
Seit mehr als drei Jahrzehnten berät sie Frauen und Männer mit Kinderwunsch; früher im Krankenhaus und später in der Praxis, heute in eigener Beratung. Eine Erfahrung eint fast alle ihre Klientinnen: Sie sind bei ihrer ersten Schwangerschaft vergleichsweise alt, meist 37 Jahre und älter. Zum Vergleich: Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind im Durchschnitt mit 30 Jahren. „Umso erstaunlicher, dass ich in meiner dritten Schwangerschaft kaum darauf angesprochen wurde, so spät noch einmal Mutter zu werden“, erzählt die Ärztin bei einem Treffen.
„Es ist durchaus spannend, in diesem Alter noch ein Kind zu bekommen – der Alltag ändert sich ja komplett: von großer Freiheit zu 24/7 mit Baby“, vor allem aber, dass sollte jedem bewusst sein, ist natürlich „auch der Kraftakt ein ganz anderer“, wenn man als Mutter schon in seinen 40ern ist. Einer Mitte Zwanzigjährigen, sagt sie, falle es allein aufgrund ihres Energielevels und ihrer körperlichen Voraussetzungen oft vermutlich deutlich leichter, vier-, fünf- oder sechsmal pro Nacht aufzustehen – oder einem Kleinkind hinterher zu krabbeln. Doch das Alter spielt nicht nur körperlich eine Rolle.
Trotzdem wünschen sich viele Frauen auch in einem vergleichsweise fortgeschrittenen Alter noch ein Kind – müssen dann jedoch damit rechnen, dass es nicht nach zwei oder drei Versuchen klappt. Die Wahrscheinlichkeit, pro Zyklus schwanger zu werden, liegt nur bei etwa zehn bis 15 Prozent und nimmt mit jedem weiteren Zyklus ab – zuletzt immer rasanter, bis schließlich die Menopause eintritt. „Die Konfrontation mit dieser Wahrheit ist nicht einfach und kommt oft erst, wenn die biologische Uhr besonders laut tickt“, sagt die Medizinerin. Spätestens mit 40 würde sie deshalb nach drei Monaten ohne positiven Schwangerschaftstest zu einer professionellen Behandlung raten.
Entscheidend sei dabei aber immer eine gründliche Überprüfung der medizinischen Werte: „Meiner Erfahrung nach wird die Diagnostik in Kliniken aus Zeitgründen leider oft verkürzt“, sagt Gößlinghoff. Ein Fehler, denn manchmal, wenn es mit der ersehnten Schwangerschaft nicht klappt, kann es auch schlicht an einem erhöhten Milchhormonspiegel liegen, der den Zyklus stört – und der sich meist mit einfachen Tabletten behandeln lässt.
Außerdem, sagt die Ärztin, würden Männer in der Reproduktionsmedizin noch immer zu häufig außen vor gelassen. „Oft heißt es, ein schlechtes Spermiogramm sei hinzunehmen. Aber auch bei Männern bewirken Änderungen des Lebensstils etwa im Hinblick auf die Ernährung oder das Aufgeben des Rauchens eine deutlich verbesserte Spermiengesundheit.“ Inzwischen sei erkannt, dass der Mann in etwa 40 Prozent der Fälle zum unerfüllten Kinderwunsch beitrage, zu weiteren 40 Prozent liege die Ursache bei der Frau, in rund 20 Prozent bei beiden gemeinsam. Gößlinghoff rät ihren Klientinnen deshalb, ihre Partner zu einem Spermiogramm zu ermutigen. Denn auch die Qualität der Spermien nehme mit dem Alter ab.
Bei der Reproduktionsmedizin, sagt Gößlinghoff, handele es sich um einen „Riesenmarkt“ mit sehr vielen, nicht immer seriösen Angeboten: „Wir holen uns für alles eine zweite Meinung – nur beim Kinderwunsch häufig nicht. Viele wenden sich an sogenannte Experten, also Menschen ohne medizinische Ausbildung im Bereich Reproduktionsmedizin, die falsche Versprechungen geben. Das finde ich schade – denn oft geht dadurch wertvolle Zeit verloren. Und im Zweifel auch viel Geld.“
Eine In-vitro-Fertilisation kostet mehr als 3000 Euro, schnell 6000 Euro, eine Samenspende schlägt pro Röhrchen mit aufbereitetem Sperma mit 800 bis 1600 Euro zu Buche. Besonders für alleinstehende Frauen sowie für gleichgeschlechtliche oder unverheiratete Paare summieren sich die Beträge schnell zu fünfstelligen Summen, die vollständig privat zu tragen sind. Deswegen betrachtet Gößlinghoff die Reproduktionsmedizin als „diskriminierend“: Die Verwirklichung eines Kinderwunschs sei hierzulande oft ein finanzieller Luxus.
Wieso warten viele Frauen so lange mit dem Baby?
Dass Frauen überhaupt spät Kinder bekommen, liege bei Weitem nicht allein in ihrer Verantwortung – auch wenn das eine weitverbreitete Annahme ist, meint Gößlinghoff. „Zunächst einmal müssen sie überhaupt einen Partner finden, was mit zunehmendem Alter und einem konkreten Kinderwunsch oft zur Herausforderung wird. Und dann sollen auch die beruflichen Rahmenbedingungen passen.“ Noch immer nähmen Männer seltener Elternzeit – oder nur sehr kurz. Diese Kombination aus privaten und strukturellen Hürden führt dazu, dass viele den Kinderwunsch Jahr um Jahr aufschieben; oft, bis es biologisch kaum noch möglich sei.
Und wenn die Zeit dann knapp wird, treffen viele Frauen eine Entscheidung, die sie sich früher vielleicht nicht hätten vorstellen können: „Sie wünschen sich irgendwann so sehr ein Kind, dass sie die Suche nach einem passenden Partner ab einem gewissen Alter aufgeben und es schließlich als Single versuchen – bevor es gar nicht mehr klappt“, erzählt Gößlinghoff: „Ein Drittel meiner Klientinnen greift auf eine Samenspende zurück.“ Eine Berliner Samenbank erklärte gegenüber der „Tagesschau“, dass 39 Prozent ihrer Spenderproben an alleinstehende Frauen gingen, 41 Prozent an lesbische Paare und 20 Prozent an heterosexuelle Paare.
Manchmal sei es jedoch wirklich schon schlicht „zu spät“ – denn ab spätestens Ende 40 nehmen die meisten Kinderwunschzentren in Deutschland keine Patientinnen mehr auf. Auch Gößlinghoff selbst rät Frauen und Männern ab einem gewissen Punkt davon ab, weiter auf ein eigenes Kind zu hoffen. „Ich gehe schon sehr weit mit“, sagt sie. „Aber ich habe Paare erlebt, die es zehn-, elf- oder zwölfmal erfolglos mit eigenen Eizellen versucht haben.“ Irgendwann müsse man loslassen – oder neue Wege gehen. Etwa ins Ausland, nach Irland oder Spanien, wo bestimmte Methoden einfacher zugänglich sind.
Je älter die Eltern, desto höher das Risiko für Fehlbildungen
Viele Frauen, die spät Mutter werden, so auch die Medizinerin und Dreifachmutter, beschäftigt aber vor allem die Sorge, ob ihr Kind gesund sein wird – und diese Sorge ist berechtigt. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für genetische Auffälligkeiten deutlich an: Während die Wahrscheinlichkeit, ein Baby mit Down-Syndrom zu bekommen, bei Frauen unter 25 Jahren bei 0,08 Prozent liegt, stehen die Chancen bei Frauen über 35 schon bei rund 3,3 Prozent – je nach Quelle können die Werte allerdings abweichen. Gößlinghoff: „Ich erinnere mich, dass mir die Ärzte in meiner letzten Schwangerschaft sagten, dass sie sogar bei zehn Prozent liegt.“ Sie befürwortet die Pränataldiagnostik: „Sie hilft, mögliche Fehlbildungen früh zu erkennen, besonders solche, die ein Leben schwer beeinträchtigen könnten.“
Neben den gesundheitlichen Aspekten steht aber auch eine andere, ganz entscheidende Frage im Raum: Wie viel gemeinsame Zeit bleibt mit dem Kind, wenn die Eltern schon älter sind? Und wie reagiert das Umfeld – die Familie, ältere Kinder? „Ich habe, vielleicht aufgrund der selbstbewussten Art, mit der ich auftrete, ganz selten Kommentare zu meinem Alter als Mutter zu hören bekommen“, sagt Gößlinghoff; von ihrem engeren Umfeld tatsächlich gar nicht.
Zumal die Gynäkologin überzeugt ist, dass ihre Kinder sie jung halten, physisch wie psychisch. „Mein 23-Jähriger lacht immer, wenn ich in den sozialen Medien nicht hinterherkomme und erklärt mir dann alles!“ Ihre Kinder, sagt sie, würden sich trotz des Altersunterschieds wunderbar verstehen; der Nachzügler sei gewissermaßen von der ganzen Familie großgezogen worden. So konnte Gößlinghoff bereits nach sechs Wochen Mutterschutz wieder in ihren Beruf zurückkehren.
Die Sorge, das Kind nicht lange genug begleiten zu können, bleibt dennoch ein Thema, bei ihren Patientinnen ebenso wie bei ihr selbst. Sie rät allen Frauen mit Kinderwunsch in höherem Alter, sich diese Fragen ehrlich zu stellen – nicht, um sich entmutigen zu lassen, sondern um sich bewusst zu entscheiden.
Stand: 12.11.2025Lesedauer: 7 Minuten
Mit fast 50 wird Heidi Gößlinghoff, Gynäkologin mit Schwerpunkt Reproduktionsmedizin, auf natürlichem Wege noch einmal schwanger – „die Überraschung meines Lebens“, sagt sie. Was bedeutet es heute, so spät Mutter zu werden, und welche Risiken bringt das mit sich?
Eine bessere Werbung für ihre Arbeit hätte sich wohl keine PR-Agentur ausdenken können: Mit 48 wird Heidi Gößlinghoff, Gynäkologin mit Schwerpunkt Reproduktionsmedizin, unerwartet schwanger. „Die Überraschung meines Lebens!“, sagt die heute 62-Jährige, die damals bereits einen Sohn und eine Tochter mit ihrem Mann hatte – beide brachte sie ebenfalls vergleichsweise spät zur Welt, mit 38 und 39 Jahren.
Wie bei vielen Frauen stand auch für Gößlinghoff, die schon immer Kinder wollte, zunächst die Karriere im Vordergrund – Medizinstudium, Facharztausbildung, der Aufbau der eigenen Praxis. Dann erkrankte ihr Vater. Das habe ihr die Augen geöffnet, erzählt sie: „Ich wollte immer, dass er seine Enkel noch kennenlernt.“ Heute wisse sie, wie viel Glück sie gehabt habe – dass es so schnell klappte und die Schwangerschaften ohne Komplikationen verliefen. Denn mit zunehmendem Alter steigt das Risiko einer Fehlgeburt deutlich: Bei Frauen zwischen 20 und 29 Jahren liegt es bei etwa zehn bis zwanzig Prozent, über 40 bereits bei 40 bis 50 Prozent, danach sogar bei bis zu 80 Prozent.
Gößlinghoff führt den Glücksfall der problemlosen Schwangerschaft auf ihre lebenslange gesunde Ernährung zurück – eine Einschätzung, die zunächst simpel klingt. Tatsächlich zeigen Studien, dass Ernährung und Lebensstil die Fruchtbarkeit beeinflussen können, der entscheidende Faktor bleibt jedoch das Alter der Eizellen.
Seit mehr als drei Jahrzehnten berät sie Frauen und Männer mit Kinderwunsch; früher im Krankenhaus und später in der Praxis, heute in eigener Beratung. Eine Erfahrung eint fast alle ihre Klientinnen: Sie sind bei ihrer ersten Schwangerschaft vergleichsweise alt, meist 37 Jahre und älter. Zum Vergleich: Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind im Durchschnitt mit 30 Jahren. „Umso erstaunlicher, dass ich in meiner dritten Schwangerschaft kaum darauf angesprochen wurde, so spät noch einmal Mutter zu werden“, erzählt die Ärztin bei einem Treffen.
„Es ist durchaus spannend, in diesem Alter noch ein Kind zu bekommen – der Alltag ändert sich ja komplett: von großer Freiheit zu 24/7 mit Baby“, vor allem aber, dass sollte jedem bewusst sein, ist natürlich „auch der Kraftakt ein ganz anderer“, wenn man als Mutter schon in seinen 40ern ist. Einer Mitte Zwanzigjährigen, sagt sie, falle es allein aufgrund ihres Energielevels und ihrer körperlichen Voraussetzungen oft vermutlich deutlich leichter, vier-, fünf- oder sechsmal pro Nacht aufzustehen – oder einem Kleinkind hinterher zu krabbeln. Doch das Alter spielt nicht nur körperlich eine Rolle.
Trotzdem wünschen sich viele Frauen auch in einem vergleichsweise fortgeschrittenen Alter noch ein Kind – müssen dann jedoch damit rechnen, dass es nicht nach zwei oder drei Versuchen klappt. Die Wahrscheinlichkeit, pro Zyklus schwanger zu werden, liegt nur bei etwa zehn bis 15 Prozent und nimmt mit jedem weiteren Zyklus ab – zuletzt immer rasanter, bis schließlich die Menopause eintritt. „Die Konfrontation mit dieser Wahrheit ist nicht einfach und kommt oft erst, wenn die biologische Uhr besonders laut tickt“, sagt die Medizinerin. Spätestens mit 40 würde sie deshalb nach drei Monaten ohne positiven Schwangerschaftstest zu einer professionellen Behandlung raten.
Entscheidend sei dabei aber immer eine gründliche Überprüfung der medizinischen Werte: „Meiner Erfahrung nach wird die Diagnostik in Kliniken aus Zeitgründen leider oft verkürzt“, sagt Gößlinghoff. Ein Fehler, denn manchmal, wenn es mit der ersehnten Schwangerschaft nicht klappt, kann es auch schlicht an einem erhöhten Milchhormonspiegel liegen, der den Zyklus stört – und der sich meist mit einfachen Tabletten behandeln lässt.
Außerdem, sagt die Ärztin, würden Männer in der Reproduktionsmedizin noch immer zu häufig außen vor gelassen. „Oft heißt es, ein schlechtes Spermiogramm sei hinzunehmen. Aber auch bei Männern bewirken Änderungen des Lebensstils etwa im Hinblick auf die Ernährung oder das Aufgeben des Rauchens eine deutlich verbesserte Spermiengesundheit.“ Inzwischen sei erkannt, dass der Mann in etwa 40 Prozent der Fälle zum unerfüllten Kinderwunsch beitrage, zu weiteren 40 Prozent liege die Ursache bei der Frau, in rund 20 Prozent bei beiden gemeinsam. Gößlinghoff rät ihren Klientinnen deshalb, ihre Partner zu einem Spermiogramm zu ermutigen. Denn auch die Qualität der Spermien nehme mit dem Alter ab.
Bei der Reproduktionsmedizin, sagt Gößlinghoff, handele es sich um einen „Riesenmarkt“ mit sehr vielen, nicht immer seriösen Angeboten: „Wir holen uns für alles eine zweite Meinung – nur beim Kinderwunsch häufig nicht. Viele wenden sich an sogenannte Experten, also Menschen ohne medizinische Ausbildung im Bereich Reproduktionsmedizin, die falsche Versprechungen geben. Das finde ich schade – denn oft geht dadurch wertvolle Zeit verloren. Und im Zweifel auch viel Geld.“
Eine In-vitro-Fertilisation kostet mehr als 3000 Euro, schnell 6000 Euro, eine Samenspende schlägt pro Röhrchen mit aufbereitetem Sperma mit 800 bis 1600 Euro zu Buche. Besonders für alleinstehende Frauen sowie für gleichgeschlechtliche oder unverheiratete Paare summieren sich die Beträge schnell zu fünfstelligen Summen, die vollständig privat zu tragen sind. Deswegen betrachtet Gößlinghoff die Reproduktionsmedizin als „diskriminierend“: Die Verwirklichung eines Kinderwunschs sei hierzulande oft ein finanzieller Luxus.
Wieso warten viele Frauen so lange mit dem Baby?
Dass Frauen überhaupt spät Kinder bekommen, liege bei Weitem nicht allein in ihrer Verantwortung – auch wenn das eine weitverbreitete Annahme ist, meint Gößlinghoff. „Zunächst einmal müssen sie überhaupt einen Partner finden, was mit zunehmendem Alter und einem konkreten Kinderwunsch oft zur Herausforderung wird. Und dann sollen auch die beruflichen Rahmenbedingungen passen.“ Noch immer nähmen Männer seltener Elternzeit – oder nur sehr kurz. Diese Kombination aus privaten und strukturellen Hürden führt dazu, dass viele den Kinderwunsch Jahr um Jahr aufschieben; oft, bis es biologisch kaum noch möglich sei.
Und wenn die Zeit dann knapp wird, treffen viele Frauen eine Entscheidung, die sie sich früher vielleicht nicht hätten vorstellen können: „Sie wünschen sich irgendwann so sehr ein Kind, dass sie die Suche nach einem passenden Partner ab einem gewissen Alter aufgeben und es schließlich als Single versuchen – bevor es gar nicht mehr klappt“, erzählt Gößlinghoff: „Ein Drittel meiner Klientinnen greift auf eine Samenspende zurück.“ Eine Berliner Samenbank erklärte gegenüber der „Tagesschau“, dass 39 Prozent ihrer Spenderproben an alleinstehende Frauen gingen, 41 Prozent an lesbische Paare und 20 Prozent an heterosexuelle Paare.
Manchmal sei es jedoch wirklich schon schlicht „zu spät“ – denn ab spätestens Ende 40 nehmen die meisten Kinderwunschzentren in Deutschland keine Patientinnen mehr auf. Auch Gößlinghoff selbst rät Frauen und Männern ab einem gewissen Punkt davon ab, weiter auf ein eigenes Kind zu hoffen. „Ich gehe schon sehr weit mit“, sagt sie. „Aber ich habe Paare erlebt, die es zehn-, elf- oder zwölfmal erfolglos mit eigenen Eizellen versucht haben.“ Irgendwann müsse man loslassen – oder neue Wege gehen. Etwa ins Ausland, nach Irland oder Spanien, wo bestimmte Methoden einfacher zugänglich sind.
Je älter die Eltern, desto höher das Risiko für Fehlbildungen
Viele Frauen, die spät Mutter werden, so auch die Medizinerin und Dreifachmutter, beschäftigt aber vor allem die Sorge, ob ihr Kind gesund sein wird – und diese Sorge ist berechtigt. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für genetische Auffälligkeiten deutlich an: Während die Wahrscheinlichkeit, ein Baby mit Down-Syndrom zu bekommen, bei Frauen unter 25 Jahren bei 0,08 Prozent liegt, stehen die Chancen bei Frauen über 35 schon bei rund 3,3 Prozent – je nach Quelle können die Werte allerdings abweichen. Gößlinghoff: „Ich erinnere mich, dass mir die Ärzte in meiner letzten Schwangerschaft sagten, dass sie sogar bei zehn Prozent liegt.“ Sie befürwortet die Pränataldiagnostik: „Sie hilft, mögliche Fehlbildungen früh zu erkennen, besonders solche, die ein Leben schwer beeinträchtigen könnten.“
Neben den gesundheitlichen Aspekten steht aber auch eine andere, ganz entscheidende Frage im Raum: Wie viel gemeinsame Zeit bleibt mit dem Kind, wenn die Eltern schon älter sind? Und wie reagiert das Umfeld – die Familie, ältere Kinder? „Ich habe, vielleicht aufgrund der selbstbewussten Art, mit der ich auftrete, ganz selten Kommentare zu meinem Alter als Mutter zu hören bekommen“, sagt Gößlinghoff; von ihrem engeren Umfeld tatsächlich gar nicht.
Zumal die Gynäkologin überzeugt ist, dass ihre Kinder sie jung halten, physisch wie psychisch. „Mein 23-Jähriger lacht immer, wenn ich in den sozialen Medien nicht hinterherkomme und erklärt mir dann alles!“ Ihre Kinder, sagt sie, würden sich trotz des Altersunterschieds wunderbar verstehen; der Nachzügler sei gewissermaßen von der ganzen Familie großgezogen worden. So konnte Gößlinghoff bereits nach sechs Wochen Mutterschutz wieder in ihren Beruf zurückkehren.
Die Sorge, das Kind nicht lange genug begleiten zu können, bleibt dennoch ein Thema, bei ihren Patientinnen ebenso wie bei ihr selbst. Sie rät allen Frauen mit Kinderwunsch in höherem Alter, sich diese Fragen ehrlich zu stellen – nicht, um sich entmutigen zu lassen, sondern um sich bewusst zu entscheiden.

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