"Die ganze Welt müsste verzweifeln“ | Christin in Palästina

"Die ganze Welt müsste verzweifeln“ | Christin in Palästina
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Christin in Bethlehem, Palästina  

Faten Mukarker   

geboren 1956 in Beit Jala bei Bethlehem, kam im Alter von zwei Monaten nach Deutschland. Ihr Vater hatte in Bonn eine Anstellung gefunden. Sie lernte schnell Deutsch und war das einzige ausländische Kind an ihrer Schule. „In Deutschland war ich nur vormittags. Mittags kam ich nach Hause und tauchte ein in die arabische Welt“, sagt sie über ihre frühe Kindheit.
Mit 20 Jahren kehrte die griechisch-orthodoxe Christin nach Palästina zurück, um zu heiraten.
Die palästinensische Friedensaktivistin lebt heute wieder in Beit Jala. Sie ist Reiseleiterin und Buchautorin, hat zwei Söhne und zwei Töchter.

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Wegschauen, wenn Kinder im Gazastreifen hungern?
Die palästinensische Friedensaktivistin kann das nicht.
Ein Gespräch über die Spannungen in ihrer Heimat, das Schweigen in Deutschland und eine Staatsräson, die die extreme Rechte in Israel stärkt.

von Elisabeth Zoll --- 31. Mai 2025


Der Treffpunkt ist nüchtern: der Bahnhof Karlsruhe. Mit Nahverkehrszügen ist Faten Mukarker von Basel nach Köln unterwegs. Immer wieder wird sie auf die verzweifelte Lage von Menschen im Gazastreifen und die sich verstärkenden Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern auch bei ihr Zuhause in Beit Jala, einem Ort bei Bethlehem, aufmerksam machen. Die palästinensische Friedensaktivistin ist Konflikte gewohnt.

Doch so aussichtslos erschien ihr die Situation noch nie. Eine Stunde entfernt von ihr sterben Kinder, weil viel zu wenig Nahrungsmittel in den Gazastreifen gelangen. „Ich kann die Bilder, die uns erreichen, nicht mehr sehen, aber ich kann sie auch nicht ignorieren.“

Sie leben in Beit Jala bei Bethlehem. Wie ist die Situation dort? 

Ich bin Reiseleiterin. Meine Idee war, Menschen mehr mitzugeben als einen kurzen Besuch in der Geburtskirche. Deshalb habe ich Gruppen zu mir nach Hause eingeladen, damit sie bei einem arabischen Essen mehr erfahren über unsere Kultur, unser Leben. Ich wollte, dass wir Palästinenser ein Gesicht bekommen. Jetzt bin ich Reiseleiterin ohne Reisegruppen. Wir haben keine Arbeit mehr.

Was bedeutet das für Bethlehem?

Beit Jala ist am Eingehen. Denn vieles hing am Tourismus, nicht nur die Hotels und Re- staurants. Auch die Familien, die Krippenfiguren aus Olivenholz schnitzen und verkaufen. Es soziales Netz gibt es bei uns nicht. Man darf nicht vergessen, dass wir gerade erst die Coronazeit überwunden haben. Viele sind noch dabei, Geld zurückzubezahlen, das sie während der Pandemie geliehen haben. Dann kam der 7. Oktober.

Der Tag ist vermutlich unvergesslich …

Ja, ich hörte die Nachricht gleich am Morgen, doch sie kam nicht an. Ich konnte mir so etwas nicht vorstellen. Dabei sind wir immer auf schlechte Nachrichten gefasst. Dieser furchtbare Konflikt hat Menschen zu der Überzeugung gebracht, dass ein Menschenleben keinen Wert mehr hat. Wir erleben eine menschliche Tragödie. Für beide Seiten.

Spannungen gab es schon vor dem Krieg. Wie wirken sich diese aus?

Wir leben mit rund 700.000 Siedlern im Westjordanland. Bethlehem allein hat 15 Siedlungen. Und die Siedler sind inzwischen Teil der Regierung. Das gibt ihnen freie Hand. Wenn Siedler früher jemanden erschossen haben, kam wenigstens jemand und fragte: Warum? Heute kommt Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und klopft ihnen auf die Schulter. Die Siedler haben den Staat zur Geisel genommen. Nach dem 7. Oktober hatten wir Angst, dass sich die Siedler an uns rächen würden. Niemand verließ mehr die Stadt. Außerhalb des Zentrums von Bethlehem ist die C-Zone. Hier kontrolliert Israel. Hier haben die Siedler das Sagen.

Was hat das für Folgen?

Im Westjordanland gibt es an die 800 Checkpoints. Diese sind nicht nur an der Grenze zwischen uns und Israel. Sie sind inmitten unserer Gebiete. Wenn ich nach Ramallah will, brauche ich für 30 Kilometer sechs bis sieben Stunden. Wir stehen vor einem Kontrollposten – und nichts bewegt sich. Als ich jüngst nach Stunden sinnlosen Wartens von Soldaten mit meinem Wagen durchgewunken wurde, habe ich von mir aus mein Fenster heruntergekurbelt und dem Soldaten meinen Ausweis entgegenstreckt. Ich wollte wie ein Mensch behandelt werden. Und da muss es einen Grund geben, warum ich Stunden in der Sonne warten musste. Der Soldat hat mir daraufhin sein Maschinengewehr gezeigt. Die Botschaft war eindeutig.

Wie sieht es aus, wenn Sie ausreisen wollen?

Wir aus dem Westjordanland dürfen nicht über den israelischen Flughafen in Tel Aviv ausreisen. Wir müssen nach Jericho, nur dieses Tor raus aus unseren Gebieten dürfen wir nutzen. Früher schaffte man das relativ schnell, denn wir fuhren über Jerusalem. Heute dürfen wir die Stadt nicht mehr betreten und müssen einen Umweg über die judäische Wüste nehmen. In Jericho sind dann drei Kontrollpunkte, der der Autonomiebehörde, der israelische und der jordanische. Jedes Mal müssen wir den Bus wechseln. Meist herrscht großer Andrang. Wenn vor der Grenzschließung nicht alle abgefertigt werden können, müssen wir übernachten. Das ist teuer. Und das bedeutet, ich brauche zwei Tage, um da- nach in vier Stunden nach Europa zu fliegen. Wenn ich dann ankomme, habe ich oft das Gefühl, ich habe ein Land verlassen, in dem ein Menschenleben nicht viel zählt und komme in ein Land, in dem es sogar Rechte für Tiere gibt.

Unter welchen Umständen leben Sie?

Der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon begann mit dem Mauerbau. Die Grenzlinie von Westjordanland zu Israel ist etwa 370 Kilometer lang, doch die Mauer misst rund 760 Kilometer. Sie hat viel palästinensisches Bauland verschluckt. Auch mein Garten ist durchtrennt. Israelische Soldaten kamen und rissen unsere Olivenbäume heraus. Die Bäume sind unsere Existenz! Hinter der Mauer gehört unser Land jetzt zu Großjerusalem. Dagegen haben wir geklagt vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. 2004 haben wir zwar Recht bekommen. Doch das Urteil ist nicht bindend. Auf eine Entschädigung warten wir noch heute.

Der 7. Oktober polarisiert Gesellschaften weltweit. Auch bei Ihnen?

Ich versuche mein Herz zu schützen. Doch es macht etwas mit uns, dass seit 18 Monaten Palästinenser bombardiert werden, dass Tausende Kinder verstümmelt werden oder ster- ben. Man muss nicht im Westjordanland leben, um zu verzweifeln. Die ganze Welt müsste angesichts des Leids verzweifeln. Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Hier habe ich gelernt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Heute frage ich mich: Gilt das nur für Deutsche? Wie soll ich damit umgehen, wenn Friedrich Merz zu Netanjahu nach all dem Gräuel sagt: Bei uns wirst du nicht festgenommen? Wir in Palästina leben die Nachwehen der deutschen Geschichte.

Was erwarten Sie?

Ich möchte eine gerechte Nahost-Politik. Wie kann das sein, dass Deutschland in der Regel nur die israelische Perspektive sieht – nach all dem Töten? Ich erinnere mich noch, wie ich in meiner Schulzeit aus Pappe kleine Sparkästchen gebastelt habe, um für die Kinder im afrikanischen Biafra Geld zu sammeln. Das waren kleine Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und spindeldürren Armen und Beinen. Die sehen wir heute in Gaza. Doch dort kommt der Hunger nicht durch eine Dürre. Er ist von Menschen gemacht. Hinter der Grenze von Rafah stehen unzählige Lastwagen mit Nahrungsmitteln, doch Israel lässt nur wenige in den Gazastreifen. Kinder verdursten. Wie kann da niemand Israel in die Schranken weisen?

Welche Folgen hat Israels Vorgehen im Gazastreifen?

Was Israel unter dem Hinweis auf sein Recht auf Selbstverteidigung macht, verändert die Welt, auch Deutschland. Denn Israel hat eure Werte, eure Moralvorstellungen, eure Glaubwürdigkeit mit Füßen getreten. Was macht ihr, wenn andere dem Beispiel folgen? Wie wollt ihr Putin sagen, dass er ein Kriegsverbrecher ist? Mir macht das Angst. Die Welt ist ein Dschungel geworden.

Haben Sie noch persönliche Kontakte in den Gazastreifen?

Natürlich. Meine Freundin hat mir vor Kurzem gesagt, dass sie Angst hat, weil sie nicht weiß, wohin Israel sie bringen will. Israel sucht ja nach Ländern, die 2,3 Millionen Palästinenser aufnehmen. Das ist für die Betroffenen extrem bedrohlich. Und dann gibt es auch noch die Christen in Gaza. Sie harren in der Kirche aus. Doch auch da sind sie vor Angriffen nicht sicher. Der verstorbene Papst hat engen Kontakt mit der katholischen Gemeinde in Gaza gehalten.

Was machen die Nachrichten mit Ihnen?

Manchmal halte ich es kaum mehr aus, mit Menschen zu tun zu haben, denen das alles nichts ausmacht oder die schweigen. Hier in Deutschland könnten die Menschen doch sprechen. Sie haben nichts zu befürchten. Und nur in unserem Fall können Deutsche nicht herausfinden, wo die Grenze zwischen Antisemitismus und berechtigter Kritik an Israel verläuft? Mir als Palästinenserin hat es leidgetan, was mit Menschen in Israel am 7. Oktober geschah. Das hat mein Herz zerrissen. Doch was meinen Menschen geschieht, zerreißt mir auch das Herz. Warum muss ich für eine von beiden Seiten ein Herz aus Stein haben? Das ist doch nicht menschlich.

Es gibt jetzt ja erste kritische Distanzierungen. Was soll Deutschland tun?

Wenn sich deutsche und israelische Politiker treffen, fällt immer das Wort „besonders“, wegen der „besonderen Beziehungen“. Warum können Deutsche nicht noch eine „Besonderheit“ dazu nehmen? Nämlich: Wegen der „besonderen“ Vergangenheit nicht zu schweigen, wenn Menschenrechte mit Füßen zertreten werden. Ein jüdischer Freund gab mir für diese Reise eine Botschaft mit: Er sagte, würden Deutsche uns wirklich lieben, würden sie nicht zuschauen, was bei uns in Israel geschieht. Denn diese extreme Regierung richtet das Land zugrunde. Die Kritiklosigkeit und die finanzielle und militärische Hilfe stärken eine extreme Regierung. Warum gilt die Staatsräson gegenüber der extremen Rechten?

Haben Sie mal überlegt, das Westjordanland zu verlassen?

Mein ältester Sohn wanderte 2000 aus in die USA. Er sagte: Mama, komm'! Palästina hat keine Zukunft. Doch wir hatten Hoffnung. Im Oktober 2023 sagte er wieder: Kommt, das Land hat keine Zukunft! Das hat mich erschüttert. Ist Palästina stehen geblieben? Nein, es ist schlimmer geworden. Doch ich will nicht gehen. Das ist meine Heimat. Wenn wir alle gehen, wird aus der Geburtskirche in Bethlehem eine leere Hülle, ein Disney-Ort für Touristen. Die christliche Minderheit beträgt noch ein Prozent der Bevölkerung. Doch eine christliche Präsenz muss bleiben an dem Ort, an dem Jesus gelebt hat. Mittlerweile ist auch eine meiner Töchter in den USA. Ihr Mann stammt aus Ostjerusalem. Nach israelischem Gesetz darf er nicht bei uns in Bethlehem leben – und meine Tochter nicht bei ihm in Ostjerusalem. Sie mussten auswandern.

Ließe sich der Krieg nicht einfach beenden, indem die Hamas die Waffen niederlegt?

Wenn mich Menschen in anderen Ländern fragen, warum verjagt ihr die Hamas nicht, kann ich das verstehen. Wenn Deutsche das fragen, nicht. Denn Deutsche haben selbst unter einem Regime gelebt, in dem viele Angst hatten. Es erfordert großen Mut, gegen die Hamas auf die Straße zu gehen.

Sie werben seit Jahren für eine friedliche Lösung in Nahost. Haben Sie noch Hoffnung?

Ein arabisches Sprichwort sagt: „Wollen Sie die Wahrheit oder die Cousine der Wahrheit?“ Wer soll mir Hoffnung geben: Trump? Netanjahu? Amerika könnte Hoffnung sein, auch die EU. Wir warten seit Jahrzehnten. Doch zum Überleben brauchen wir Hoffnung. Meine finde ich in meinem Glauben.

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