Der Staat Israel und das Land Palästina

Der Staat Israel und das Land Palästina
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Der Staat Israel und das Land Palästina - ein biblisch-hermeneutischer Versuch


Matt Studer --- 26. Okt. 2023 --- 15 Min. Lesezeit


Ausschnitte:

Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: »Herr, ist jetzt die Zeit gekommen, in der du das israelitische Reich wiederherstellst?«
Jesus gab ihnen zur Antwort: »Es steht euch nicht zu, Zeitspannen und Zeitpunkte zu kennen, die der Vater festgelegt hat und über die er allein entscheidet. Aber wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr mit seiner Kraft ausgerüstet werden, und das wird euch dazu befähigen, meine Zeugen zu sein – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und überall sonst auf der Welt, selbst in den entferntesten Gegenden der Erde.«
(Apostelgeschichte 1,6-8)

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Wer hat Anrecht auf den 'heiligen Boden'? Denn heilig ist der Boden für die Juden und für die Araber. Die palästinensischen Araber protestieren, dass sie im Jahre 1948 durch die Juden von ihrem Heimatboden vertrieben wurden. Die Juden dagegen antworten, dass sie Anrecht auf diesen Boden hätten, weil schon ihre Vorfahren hier beheimatet waren. Konservativ-religiöse Juden und manche evangelikalen Christen gehen noch einen Schritt weiter: Das Land gehört dem jüdischen Volk, weil Gott es ihnen damals, in biblischen Zeiten, gegeben hat.

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Ich stehe weniger hinter dem religiösen Argument, dass das moderne Israel ein göttliches Anrecht auf Palästina habe. Ich weiß wohl, dass ich mit diesem Eingeständnis für einige meiner Glaubensgeschwister bereits verdächtig in Richtung anti-Israel rutsche.

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Das Bundesvolk Israel des Alten Testaments im Kontext der globalen Heilsgeschichte

Die Frage nach der Erfüllung der Alttestamentlichen Prophetie muss im Lichte der Gesamtperspektive untersucht werden, die das Alte Testament durchdringt, nämlich Gottes Absicht für die gesamte Menschheit und für die ganze Erde. (Christopher J. Wright, A Christian Approach to Old Testament Prophecy Concerning Israel)

Dieser Satz steht programmatisch dafür, wie man die Geschichte Gottes mit Israel auch noch lesen kann. Warum erwählte Gott Israel (und zuvor Abraham und seine Familie)? Weil er immer schon globale Absichten hatte: 'In dir [Abraham] sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.' (Gen. 12,3)
Das Volk Israel sollte die 'ganze Welt' erreichen,  dadurch dass es Gottes Gebote hielt und die anderen Völker sehen konnten, wie gut ihr Gott, der HERR, ist. (Deut 4,6)

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Jesus selbst sah sein Wirken als Erfüllung der alttestamentlich prophetischen Hoffnung (Lk 4,16-21).

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Jesus selbst war der Neuanfang Israels. Er ist der wahre Weinstock (Joh 15,5), eine Bezeichnung die im Alten Testament dem Volk Gottes zugeschrieben wurde (vgl. Jeremia 2,21). Er ist auch der Spross aus dem Stamm Isais (Jesaja 11,1), aus dem das wiederhergestellte Israel wachsen wird. So ist es kein Zufall, dass Jesus in Anlehnung an die zwölf Stämme Israels auch zwölf Apostel erwählte, die sein wiederhergestelltes Volk anleiten sollten. Natürlich kann man solche Winke mit dem Zaunpfahl als 'unwichtig' abtun. Für mich ist jedoch klar, dass Gott durch und in Jesus Israel wiederherstellte und neu konstituierte und dass sich die prophetische Hoffnung zu erfüllen begann.

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Durch den Tod uns die Auferstehung Jesu begann Gott sein Volk wiederherzustellen.
Als Jesus mit den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus alle Schriften des Alten Testaments durchbuchstabierte (die gemäss seiner Hermeneutik ja alle von ihm sprachen) machte er bestimmt auch beim Propheten Hosea Halt. Denn dort liest man:
"Kommt, wir wollen wieder zum HERRN; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen, er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden. Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten, dass wir vor ihm leben."
(Hosea 6,1-2)

Jesus, indem er den Jüngern von Emmaus diese Stelle erläutert, verknüpft die Wiederherstellung Israels mit seiner Auferstehung. Durch seine Auferstehung nach drei Tagen wird das Volk in ihm wiederhergestellt.
Auch Petrus sieht die Verheissungen eines ewigen Thrones für David in der Auferstehung und Himmelfahrt Christi erfüllt (vgl. Apg. 2,29-36).

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Sowohl Jesus als auch seine unmittelbaren Nachfolger, die Apostel, sagen uns, dass Gott in den Ereignissen seiner [Jesu] Ankunft, seines Lebens, seines Todes, seiner Auferstehung und seiner Erhöhung entscheidend für die Erlösung und Wiederherstellung seines Volkes Israel gehandelt hatte und damit die gesamte Bandbreite alttestamentlicher Prophezeiungen erfüllte. Dabei ging es um eine schon gegenwärtige Realität und nicht um eine noch zukünftige Hoffnung. „Die Zeit war erfüllt...“

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Wiederherstellung Israels, durch die Propheten des Alten Testaments vorhergesagt, ereignete sich in Jesus und dann in seinen Nachfolgern, die den Anfang der Kirche, des Volk Gottes des neuen Bundes konstituierten (1. Petr. 2,9-10). Dabei wurden die nationalistischen Hoffnungen der Juden 'transzendiert'. Das grosse Geheimnis, das im Evangelium enthüllt wurde, besteht genau darin, dass die (nationale) Trennwand zwischen Juden und Heiden niedergerissen wurde (Eph. 2,11-22). Und durch die Mission, die Jesus initiierte ('von Jerusalem über Samaria bis an die Enden der Erde' wird verdeutlicht, dass die Wiederherstellung Israels die Heiden nun miteinschloss. Was sich hier ereignete war ein fundamentaler Einschnitt - oder vielleicht besser Fortschritt - in der Heilsgeschichte Gottes.

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Keine Ersatztheologie
Die einen sehen das als Ersatztheologie (= die Gemeinde ersetzt Israel).
Ich sehe es als eine logische Konsequenz der fortschreitenden Heilsgeschichte Gottes. Es geht nicht darum, dass man die Juden hier enterbt. Nein, vielmehr werden die Heiden zu Miterben der Verheissungen, zusammen mit den Juden. (Epheser 3,6)

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Was aber geschieht mit den Landverheissungen?

Jesus wirkte zwar auf dem 'heiligem' Boden, sprich er wirkte innerhalb der damaligen Landesgrenzen und nur wenig darüber hinaus. Doch schien das, was er tat und sagte, diesem Land nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Vielmehr sei sein Reich nicht von dieser Welt, wie er dem Pilatus antwortete, der es nicht begreifen konnte, warum die Juden Jesus verhafteten.
Er war ja kein messianischer Revolutionär der, wie angenommen, das besetzte Land mittels eines militärischen Aufstandes von den Römern 'säubern' würde.
 Kümmerte sich Jesus also gar nicht um diesen so wichtigen Aspekt der jüdischen Identität? In vergleichbarer Manier mass er auch dem Tempel nicht das Gewicht bei, das ihm die Juden beimaßen: 
»Reißt diesen Tempel ab, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen.« – »Wie?«, entgegneten sie. »Sechsundvierzig Jahre lang wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufbauen?«
Doch Jesus hatte mit dem Tempel seinen eigenen Körper gemeint. (Joh. 2,19-21)

Jesus hatte die Angewohnheit, das mosaische Judentum - den alten Bund - auf den Kopf zu stellen, vor allem was dessen äussere Merkmale betraf

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Man kann sich gut vorstellen, dass Jesu 'Behauptungen', dass er der wahre Tempel, der eigentliche Hohepriester und der wahre Sohn Davids war, der ewig auf dem Thron sitzen würde, nicht so einfach zu schlucken waren - gingen sie (diese Behauptungen) gefühlt doch gegen den Strich der national-religiösen Identität.

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Als heiliges Land war das Land Gottes Herrschaft über seine himmlische Wohnstätte nachempfunden, veranschaulichte aber auch, was Gott in den letzten Tagen mit der ganzen Erde tun würde.“ „Der Berg Zion und das himmlische Jerusalem in Hebräer 12:22 müssen ebenfalls die himmlischen Originale sein.“ wovon der Berg Zion und Jerusalem im Alten Testament „Kopien und Schatten“ waren. (Understanding Dispensationalists, S. 199)

Ja, Abraham, der Stammvater des Volkes Israels, dem Gott das Land versprochen hatte, wartete, wie uns der Hebräerbrief mitteilt, letzten Endes gar nicht auf dieses Stück Land, in dem seine Nachkommen dann für ein paar hundert Jahre wohnen sollten. 'Er sehnte sich nach einer besseren Heimat, nach der Heimat im Himmel' und 'wartete auf die Stadt [das himmlische Jerusalem], die wirklich auf festen Fundamenten steht, deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist.' (Hebräer 11,16 und 11,10)
Das ist nicht weiter verwunderlich wenn man bedenkt, dass Gottes Pläne mit dieser Welt die ganze Welt miteinschließen.

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Ein Schlusswort

Gott gab seinem Bundesvolk Israel damals ein Stück Land, in dem sie wohnen, wirken und ihn anbeten konnten/sollten. Gott verheisst seinem Volk des Neuen Bundes heute, dem Volk bestehend aus Juden und Heiden, die ganze Erde. Es gibt sehr gute Gründe dafür, dass das heutige Israel (das - ausgenommen den messianischen Juden - nicht zum Volk des Neuen Bundes zählt) aus völkerrechtlichen Gründen Anrecht auf Palästina hat. Doch heilgeschichtlich viel zentraler ist, dass sich das ethnische Israel wieder Gott zuwendet und so als der originale Ölzweig wieder in den Ölbaum eingepropft wird. Nur so kann Israel wieder in den Genuss all der Verheißungen, inklusive Landverheißungen, kommen. Beten wir für eine Verwirklichung dieser noch ausstehenden Hoffnung!

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